Das letzt Ma(h)l

Das letzte Ma(h)l

Einmal, da hatte er kein Problem. Keins, mit dem er unter die Leute hätte gehen können; an die Stammtische seiner Freunde, die ihn nur mit Problemen kannten; die er seit Jahren mit seinen Leiden unterhalten, die er noch nie enttäuscht hatte. Sie schätzten ihn, denn er verstand es wie kaum ein andrer, selbst einen einfachen Liebeskummer oder eine kleine Auseinandersetzung mit einem Vorgesetzten so zu dramatisieren, dass keiner sicher sein konnte, ihm je wieder zu begegnen. Wo andere eine Krawatte tragen, würgte ihn ein unsichtbarer Strick. Er schien aus einem nie versiegenden Schmerzensquell zu schöpfen und an Selbstzweifeln so zu nagen, dass ihn schon ein von ihm falsch interpretierter Blick völlig aus der Bahn werfen konnte. Natürlich lieferte auch der Zustand der Welt, selbst der fernsten, ihm Gründe genug, seinen persönlichen Zustand zu rechtfertigen. Und der war nicht nur bemitleidens-wert, sondern erbarmungswürdig. Zuerst wollte er seinen Vater verantwortlich machen, dann das System. Bis er herausgefunden hatte, dass es zeitgemäßer war, das Kreuz selbst zu tragen.  In der Jugendsprache von heute, würde er keinen Namen haben: „Opfer“, würden sie ihn rufen, und damit alles sagen, was über ihn zu sagen war.

Da ich seine Identität nicht preisgeben will, aber davon ausgehe, dass IHM jemand das stecken wird, was ich dir jetzt erzähle, bleibe ich beim unpersönlichen er. Ich will ihm ja keine Probleme machen, jetzt, wo er plötzlich keines mehr haben will. Jetzt, wo er verschwunden ist. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, bei seinem Zustand.  Wenn ihm der Augenblick keinen Grund lieh, in eine bodenlose Depression zu stürzen, erinnerte er sich des Unheils, das ihm einst widerfahren war, wurde fündig in den traumatischen Erfahrungen seiner Eltern-Kind-Beziehung oder rief sich eine lieblose Kindergartentante ins Gedächtnis. Wenn alles nichts half und IHM ein Anflug von Zufriedenheit drohte, gedachte er der besonders schmerzhaften Trennung von seiner letzten, vorletzten oder vorvorletzten Frau. Überhaupt dankte er seine Leidensfähigkeit vor allem Frauen. Das muss jetzt aber unter uns bleiben: Wenn er jemals geliebt haben sollte, dann war es sicher eine Frau, die schnell herausfand, was ihm fehlte und den Leidensdruck erhöhte, damit seine Klagen nicht jeder Grundlage entbehrten. Wenn er je verliebt war, dann in sein Pech. Ich darf ein bisschen zynisch werden. Ich bin sein Freund. Jedenfalls hält er mich für einen seiner besten Freunde, wenn nicht den besten. Soll er es glauben. Übrigens: Ich heiße Peter. Ja, seine Freunde. Sie schätzen ihn sehr. Ganz im Ernst. Er weiß sie mit seinen Problemen zu unterhalten, und die wurden immer unlösbarer, aussichtsloser. Mit einer Stimme wie von jenseits der Gräber versuchte er uns seine Seelenqualen nachvollziehbar zu machen, und das mit Seufzern, die uns den Abgrund ahnen lassen sollten, an dessen Rand ihn ein mitleidloses Schicksal gerade wieder geführt hat. Nein, ich beschreibe keinen klassischen Masochisten. Das hat er nicht verdient, dass man ihn in diese Schublade steckt. Ich habe ihn nämlich in Verdacht, dass er mit dieser Rolle nur spielt. Und das schon länger. Wie ich darauf komme? Ja, hast du ihn denn heute Abend nicht erlebt? Entschuldige, hab ganz vergessen, dass du ja nicht dabei warst. Ich glaube, er hat es geschafft. Er hat sich seiner Rolle entledigt, sie ab- und weggeworfen wie einen Pullover, in den die Motten geraten sind, und es war ihm völlig gleichgültig, ob man ihn so noch mag oder nicht. Ja, das Risiko ist er eingegangen. Respekt. Respekt. Denn er war beliebt. Ich lüge nicht. Schon deshalb beliebt, weil es ihm ja immer gelungen war, seine Freunde zu beschämen, wenn sie ihre Probleme preisgaben. Es tröstete sie immer zu wissen, dass im Vergleich zu seinen, ihre Probleme zu Hügeln in den Voralpen schrumpften, während er schon wieder einen K2 bezwungen hatte. Eigentlich genügte es, ihn anzuschauen, um sich seiner eigenen Überlebens-fähigkeit zu vergewissern. Die aristokratische Blässe, die er sich angekränkelt hatte, der zustandegehetzte Blick, die ausgezehrten Wangen, die Art, wie er unablässig seine Schläfen massierte, mit seiner rechten Hand immer wieder die Augendeckel schloss, oder sich mit gespreizten Fingern durchs Haar fuhr, das alles machte ihn bis gestern Abend zum unbestrittenen Mittelpunkt, wo immer sich Problemkreise zusammenfanden. Wir werden sehen, ob es nur ein Ausrutscher war, etwas, womit er sich wieder zurückmelden wollte, oder sich tatsächlich abmelden als der Schmerzensmann, den wir an ihm so bewundert wie bedauert haben. Falls er wieder auftaucht. Denn er ist verschwunden. Einfach nicht mehr auffindbar.

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