Jetzt

jetzt

Die Tür fiel zu. Das Zimmer grell ausgeleuchtet. Alles weiß. Die Wände. Die Decke. Der Boden. Weiße Fliesen. Vorbereitet? Nein. Weder darauf, noch auf das, was war. Obwohl. Nein. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Es gab kein Vorher und es gibt kein Nachher. Nur erbarmungsloses Jetzt. J E T Z T. Sie war allein. Nicht ganz. Doch. Nie so allein wie J E T Z T. Nicht ganz allein. Aber kann ein Toter anwesend sein? Ja. er kann. Und wie. Nie war seine Präsenz mächtiger als J E T Z T. Obwohl. Wo immer er einen Raum betrat, füllte er ihn aus. Er hat schon immer viel Platz eingenommen. Mit seinen ausladenden Gesten, mit seinem dröhnenden Lachen. Wie klein sie sich immer gefühlt hat in seiner Anwesenheit. Wie gar nicht da oder nur da, die Anwesenheit ihres Vaters noch sichtbarer, noch spürbarer zu machen.  Wie zur Entourage gehörend. Zum Hof eines Königs. Auch J E T Z T. Aufgebahrt. Ein weißes Leintuch über einem massigen Körper. Ein Krankenbett auf Rädern mit abgesenkter Liegefläche in Kniehöhe. Der Kopf verhüllt. Gestern noch. Wann war das? In welcher Zeit? Ein Monitor mit grünem Screen. Schläuche. Kabel. Intubiert. Seine Augen, die nichts mehr festhalten können, keinen Blickkontakt suchen, irrlichternd, verzweifelt. Was sagen? Was ihm sagen? Er weiß es doch besser. Er weiß es, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Dass nichts mehr getan werden kann. Dass ein Organ nach dem anderen seinen Dienst aufgibt. Dass er sterben muss. Was noch sagen? Es wird alles gut? Ich liebe dich? Ja. Das hätte sie sagen können, sollen, nein, müssen. Aber sie hat es nicht gesagt. Sie hat geschwiegen. Herzdruckmassage. Die wievielte? Froh, dass sie die Ärzte fortschicken. Morgen. Ja, Morgen.

Vorbereitet? Ja. Nichts mehr zu machen. Schmerzlinderung. Schlafsedierung. Kommen sie Morgen wieder.

Vorbereitet? Nein. Einfach so geht er? Nein. War nicht einfach. Keineswegs einfach. So  – bitte – nicht. So will sie selbst nicht hinübergehen; diesen leidvollen Transit möchte sie sich ersparen, wenn’s geht.

Ihr Vater war 17. Mit Kriegsmatura zu den Panzern. Nur einmal hat er erzählt, wie das war. Mit einem Toten in diesem stählernen Sarg unter tonnenschwerem Gestein einer im friendly fire zerstörten Brücke. Eine helle Mondnacht war es. Man saß um einen Tisch im Freien. In Italien war das. Bei Wein und Grillenzirpen hat er es erzählt. Zu vorgerückter Stunde. Warum muss ich gerade J E T Z T daran denken, denkt sie.

Was weiß sie eigentlich von ihrem Vater? Bruchstückhaft Erinnertes von ihm selbst. Hat nie viel erzählt von seiner Kindheit. Nur, dass sein Vater erblindet war und er ihm jeden Tag die Zeitung vorlesen hat müssen. Dass ihn seine Mutter die Stiegen hinunter getreten hat, weil ihm die Eier auf dem Nachhauseweg zerbrochen waren. Aber das weiß sie nicht von ihm. Das hat ihr die Mutter erzählt. Ob’s stimmt? J E T Z T kann sie ihn nicht mehr fragen.

So viel Geschichten, die er mit hinübernimmt, ohne sie erzählt zu haben. So viel Wissen, das er sich angeeignet hat. So viel Leben, aus dem er herausgerissen wurde. So viel, was er noch vorgehabt hat. So viel auch, was er noch gut machen hätte können. Vorbereitet? Nein. Er war nicht vorbereitet. Bin ich es?, fragt sie sich. Werde ich es, kann man es denn je sein? Ob ich heute schon so lebe, wie ich am Ende meiner Tage gelebt haben möchte? Noch so eine Frage.

Das alles schießt ihr durch den Kopf statt Abschied zu nehmen. Wie aber soll das gehen? Wie soll sie J E T Z T Abschied nehmen? Ist J E T Z T eine Zeit? Sie wird das Tuch ihm vom Kopf nehmen. Nur kurz. Kurz einen letzten Blick auf ihn werfen, der ihr Vater war, und J  E T Z T nur noch Hülle ist. Schon nicht mehr da. Im Transit. Wohin? Vielleicht noch erreichbar? J E T Z T ist keine Zeit. Sie hat weder Vergangenheit noch Zukunft. Gut, dass ihm die Augen geschlossen wurden. Ihr fallen die Münzen ein, die den Toten früher auf die Augen gelegt wurden, um den Fährmann zu zahlen, der ihn auf dem Fluss des Vergessens in die Welt ohne Wiederkehr bringen soll.

Sie kann den Frieden nicht entdecken, der ins Antlitz der Toten kehrt, nachdem sie ihren Lebenskampf ausgestanden haben.  Ein seltsames Lächeln ist um seinen Mund; als wolle dieser rechts leicht angehobene Mundwinkel die Bitterkeit seines Sterbens vergessen machen. Vielleicht ist es tatsächlich eine letzte, an sie gerichtete Botschaft: Schau! Es ist gar nicht so schlimm der Tod. J E T Z T habe ich ihn endlich besiegt. Es erinnert sie an Mutter, die einmal schalkhaft gemeint hat: Sterben ist nicht so schlimm, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Millionen Tote es schon vor einem überlebt haben. Nein: Diese Erinnerung kommt ihr, nachdem sie den Raum verlassen hat. Aber ihr Abschied von ihm wird sie ein Leben lang begleiten. J E T Z T IST … J E T Z T.

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