Cusco – Puno

Ich habe noch etwas vergessen: zum Reisen gehoert auch, dass man die auftretenden Unannehmlichkeiten mit der notwendigen Gelassenheit hinnimmt. Zu diesen Unannehmlichkeiten gehoert, dass es zwar Abfahrts- und Ankunftszeiten gibt, die aber in den seltensten Faellen eingehalten werden. Dazu kommt, dass die Busse fuer die Andenbewohner adaptiert sind. Die indigene Bevoelkerung ist kleinwuechsig.

Dafuer haben die Einheimischen eine der Hoehenlage angepasste groessere Lunge und koennen auf 4000m noch Fussball spielen, waehrend mir schon nach drei Schritten die Luft weg bleibt. Selbst die Kartoffeln, die hier gedeihen, sind nicht groesser als Mozartkugeln. Mir will im Augenblick kein besserer Vergleich einfallen. vielleicht wuerde ich mir jetzt gerne eine auf der Zunge zergehen lassen. Sei es, wie es ist. Ich sitze in einem dieser Andenschiffe, die ueber den Altiplano schaukeln und habe noch weniger Bewegungsfreiheit wie beim 12 stuendigen Ueberseeflug von Amsterdam nach Lima, scheuere mit den Kniescheiben den Vordersitz und mir rinnt bei einer Aussentemperatur von minus 5 Grad und gefrorenen Scheiben der Schweiss von der Stirn, der Nachbar stinkt nach Zwiebel und Knoblauch , dass es einem schier  den Atem raubt und der Bus schlingert ueber Schlagloecher durch die tiefschwarze Nacht. Dabei sollten wir schon seit mehr als 3 Stunden in Puno angekommen sein. Erst wenn ich nicht mehr frage: Que hora son?, Unmut einer grenzenlosen Gleichgueltigkeit Platz macht, und es mir nicht mehr wichtig erscheint, wann und ob ich ueberhaupt je ankomme, erst, wenn dieser tranceartige Zustand erreicht ist, verwandle ich mich in einen Reisenden. Ja: Reisen ist eine Schule der Geduld.

In Puno bin ich bei einem mit meinem Bruder befreundeten Ehepaar untergebracht. Es wohnt nicht weit vom Zentrum entfernt, der Plaza de Armas, auf der eine wunderschoene Kathedrale aus der Kolonialzeit steht. Ana Maria unterhaelt eine kleine Bibliothek, in der liebevoll alles Wissenswerte ueber das Departamento Puno und seiner gleichnamigen Hauptstadt gesammelt ist. Mourik Bueno de Mesquita kommt urspruenglich aus Holland, lebt aber seit ueber 30 Jahren in Peru und hat sich als Experte fuer Wasser einen Namen gemacht. Vielleicht werden wir uns in La Paz wieder treffen, da er als Regierungsberater nach Bolivien eingeladen worden ist. Ich fuehle mich herzlich aufgenommen, gehe noch kurz in die Stadt und trinke einen waystapata, der nach einem herzhaften Gluehwein schmeckt und mich daran erinnert, dass ich mit meiner Reise den Winter in Oesterreich vorweg genommen habe.

Am naechsten Morgen mache ich mich auf den Weg zu Roger Maquera, dem Vorstand von SER (Servicio rurales),  einer Organisation, die es sich zur Aufgabe macht, die Bauern aus den umliegenden Gemeinden ueber ihre Rechte gegenueber den multinationalen mining companies aufzuklaeren, platze dort mitten in eine Diskussionsrunde, baue das Stativ auf, montiere die Kamera und gehe auf „rec“. Roger Maquera, der meinen Bruder nur ueber Veroeffentlichungen und sein Engagement die Felsbilder von Carabaya betreffend kennt, laedt mich in sein Buero ein und ich unterhalte mich mit ihm – wissend, dass es mein letztes Interview zum Thema sein wird – ueber la minera y el impacto ambiental. Mein Spanisch ist inzwischen wieder auf dem Stand von damals, als ich es mir vor 30 Jahren bei einer Reise, die mich jetzt die gleiche Route nehmen laesst, muehsam angeeignet habe.   

Zurueck auf der Strasse erwartet mich ein Hoellenlaerm. Jaehrlich zum Semesterbeginn der Universitaet, wird ein Festival de danzas aufgefuehrt. Es dauert den ganzen Tag und ich hoere die Trommeln und Trompeten noch bis spaet in den naechsten Morgen. Aus jedem noch so entlegenen Dorf von Puno kommen sie angereist, um in ihren fantasievollen Kostuemen leicht geschuerzt (trotz schneidender Kaelte) und hingebungsvoll nach dem Rhythmus ihrer Bandas am Festzelt vor der Kathedrale vorbeizutanzen.

 

 Nachdem ich mich sattgesehen und vor allem satt gehoert habe, gehe ich heim – wie schnell doch jeder Ort, wo man willkommen ist, auch wenn man nur uebernachtet, zur Heimat wird – und bitte Mouriko, mich mit der Wasserproblematik in Lateinamerika vertraut zu machen. Schnell begreife ich, dass auch in diesem Gespraech wegen der Verunreinigung der Gewaesser durch Bergbautaetigkeiten ein Bezug zum Thema gegeben ist, der bisher nur angedeutet war. Mouriko hat eine tolle Stimme. Lebte er in Wien, wuerde ich ihn sofort als Sprecher fuer die Kommentare engagieren. Aber nicht nur das: Er spricht mit Leidenschaft und Profession und er spricht so anschaulich und ausfuehrlich, dass ich mit diesem Interview allein eine Radiosendung bauen koennte. Vielleicht mache ich das auch, wenn ich zurueck komme.

Am naechsten Morgen nehme ich den Bus nach Copacabana.

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