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Ein Stadtspaziergang in Punta Arenas

Ein Katzensprung nach Tierra del Fuego? Was fuer ein Irrtum. Nach Ushuaia sind es noch einmal 10 Stunden und nach Porvenir, das auf der anderen Seite der Maghellanstrasse liegt, mit dem Boot 2 einhalb Stunden.
Werde also zuerst einmal die Stadt erkunden und dann die Informationen einholen, die ich brauche, um zu entscheiden, welche Route ich nehmen soll.

 

 

 


Die Stadt ist mit ihren ueber 140.000 Einwohnern die Hauptstadt der XII Region de Magellanes, die mit dem chilenischen Teil der Antarktis mit 1.400.000 Quadratkilometern die groesste Chiles ist.

Erst 1848 gegruendet war sie von Anfang an eine Stadt von Pionieren aus allen Teilen Europas, vornehmlich Kroatien, Spanien, England, Frankreich, Griechenland, die nach dem Ende des Goldrausches in tierra del fuego und wenig spaeter zur Zeit des 1. Weltkriegs hier eine neue Heimat suchten.

Wenn man die Stadt von oben betrachtet, koennte es mit seinen oft nur zweistoeckigen Haeusern mit den gelben, roten und gruenen Daechern eine Stadt am Mittelmeer sein. Ein Besuch des Friedhofs bestaetigt das friedliche Nebeneinander von Menschen aus allen Laendern Europas. (Anmerkung der Redaktion: Wie sollt das auf einem Friedhof auch anders sein…)

Hier finde ich nicht nur die „Deutsche Krankenkasse“ in Frieden ruhen, sondern auch „Graf Spee“, der sich in Seeschlachten ausgezeichnet und hier eine martialisch aufbereitete letzte Heimat gefunden zu haben scheint. Flankiert von Granaten gleicht die Grabstaette einer ueberdimensional grossen Patronenhuelse. Ein richtiges Kriegerdenkmal eben. Daneben ein Mausoleum, das einer kleinen Villa im Jugendstil aehnelt und die Familien von eingewanderten Italienern beherbergt. Ueber dem Eingang eines tempelartigen Gebaeudes das Wappen Kroatiens, aber auch Familien der Grande Nation haben hier ihre letzte Ruhestaette. Leider hab ich vom Grab der ausgerotteten Ureinwohner erst zu spaet gelesen. Sie wurden von den 4 Familien, die den ganzen Sueden bis hinauf zu den Fjorden in Besitz nahmen, ein Territorium beinahe dreimal so gross wie Oesterreich, nicht einfach nur vertrieben, sondern wie Vieh gejagt und getoetet. Fuer jedes abgeschnittene Ohrenpaar bekamen die von den Grossgrund-besitzern angeheuerten Kopfjaeger eine Praemie ausbezahlt. Nach solchen mussten sie nicht weit suchen, da Punta Arenas urspruenglich eine Strafkolonie fuer Schwerverbrecher war.   


Eine Frau, die Blumen auf ein namenloses Grab legt, erzaehlt mir die Geschichte ihrer Vorfahren, die 1914 ueber Pto.Montt aus Kroatien kommend nach Punta Arenas fanden.

Ein aelterer Mann tuencht gerade ein Grab, als eine Glocke ertoent, die ein Lied intoniert, das mir bekannt vorkommt. Er sagt, dass, weil Weihnachten naht, die Glocke mit immer neuen Liedern auf das Fest einstimmen will. Er sei seit wenigen Tagen ein jubiliado. Ich beglueckwuensche ihn. Uebrigens ist jubiliado ein viel schoeneres Wort fuer Pensionist oder Rentner, findest du nicht auch?
Seine Vorfahren kamen aus Griechenland.

Hier duerfte nicht nur auf dem Friedhof ein multikuturelles Zusammensein von Migranten ohne grosse Konflikte stattfinden. Waere eine Untersuchung wert, warum dies hier so gut gelungen ist.

Auf einer Hauswand lese ich: „Hier wurde gefoltert!“ Die juengste Geschichte Chiles ist genausowenig  aufgearbeitet wie die Diktatur Videlas in Argentinien oder die noch laenger zurueckliegende Hitlers vor allem in Oesterreich und seinen Nachbarlaendern. „Was sollen wir die Alten noch einsperren?“, fragen die einen.  „Wie soll sonst neuen Anfaengen gewehrt werden, wenn die Verbrechen der letzten nicht geahndet wurden?“, klagen die anderen Gerechtigkeit ein. 

Da ich einen Faible fuer Geschichten und Geschichte habe, besuche ich – eigentlich ohne grosse Erwartung das Museum, das meiner Unterkunft genau gegenueberliegt und bin ueberrascht ueber die Vielfalt an Info, die ich mitnehme. Jetzt weiss ich nicht nur, wie die Oberschicht um die vorletzte Jahrhundertwende in Punta Arenas ihre Villen eingerichtet hat, sondern erfahre auch viel ueber Geografie und Geschichte dieses Erdteils.  Francis Drake, Magellan, Darwin, Jules Verne, um nur einige zu nennen, ruehmten die Schoenheit der Landschaft.

Nomadisierende Staemme, die vor 12.000 Jahren eingewandert waren, von denen einige Hoehlenmalereien und etliche Funde Zeugnis ablegen, beendete die Besiedelung des Kontinents. „Mit den Weissen kamen aber auch die Krankheiten, die die urspruengliche Bevoelkerung bis auf 350 Menschen ausgerottet hat“, lese ich.

Die Speicherkarte ist voll. Meine auch. Jetzt schnell ein Internetcafe finden, um beide Speicher, den digitalen und meinen neu aufladen zu koennen. Sonst kann ich die noch zu erwartenden Eindruecke nicht mehr verarbeiten.

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