La Paz – Santiago de Chile

Waehrend Bolivien fast zwoelf Mal die Flaeche Oesterreichs abdeckt, ist Chile neun Mal so grosz.

Wie eine Reise beschreiben, bei welcher man ueber 40 Stunden in einem Bus verbringt? Um 3 Uhr in der Frueh aufgestanden, da der Handywecker meines Bruders eine falsche Zeit angezeigt hat und ich die richtige nur ueber den Computer erfahren kann, da ich als Pensionist geglaubt habe, ohne Uhr auskommen zu koennen.

La Paz _ Santiago: Eine Monstertour von ueber 40 Stunden. Eigentlich wollte ich ueber Arica, der chilenischen Stadt an der Grenze zwischen Peru und Bolivien nur bis Antofagasta. Nur 18 Stunden. Als ich aber in Arica ankam und erfuhr, dass ich mich 6 Stunden im Terminal aufhalten muesse, um wieder Anschluss nach Antofagasta zu finden, zog ich es vor, gleich einen Bus bis Santiago zu nehmen und den Aufpreis zu zahlen. Nach einem Aufenthalt von nur 4 Stunden – mittlerweile war es Abend geworden – ging es weiter. Leider musste ich mich in diesem semi-cama (halb Sitz – halb Liegewagen) mit einem Platz neben dem Klo begnuegen, sodass ich wegen der Geruchsentwicklung neben der unbequemen Halbsitzliegestellung keinen Augenblick wirklich Schlaf fand. Wie das mein Nachbar schaffte – ein junger Mann aus Chile, der eine Ausbildung als Pilot in Bolivien absolviert hat, weil es dort billiger ist, erfuhr ich leider zu spaet. Es gibt naemlich in allen Terminals Schlaftabletten zu kaufen. So blieb mir nichts uebrig als in dieser unbequemen Stellung zu verharren und mir 10 Kickboxfilme, die alle nach demselben Muster gestrickt waren, anzuschauen.
Der Fahrtbegleiter war sehr bemueht um mich, da ich der einzige Gringo war und waehlte die Filme mit englischen Subtiteln in ohrenbetaeubender Lautstaerke. Van Damm hat einen Bruder mit dem Guertel eines Weltchampions als Kickboxer im Mittelgewicht. Sie touren durch die Welt, um Gegner zu suchen, die es mit ihm aufnehmen koennen. Es kommt, wie es kommen musste. Sie finden ihn: Ein Knochenbrecher, der kein Erbarmen kennt. Er steigt als Champion in den Ring und verlaesst ihn querschnittgelaehmt. Jetzt ist Rache angesagt. Van Damm muss harte Pruefungen bestehen, einen oberschenkeldicken Bambusstamm mit den Fuessen solange traktieren, bis er gefaellt ist, um endlich nach all den Initiationsriten gegen den Boesewicht anzutreten, dem er es natuerlich heimzahlt, obwohl niemand daran glaubt, dass der Gringo es schafft. 

An Schlaf ist ohnehin nicht zu denken, da wir  – ich weiss nicht, wie oft – aussteigen muessen, um an Checkpoints von Drogenhunden unser Gepaeck durchsuchen zu lassen. Vollkommen erschlagen vom Laerm der unueberhoerbaren Kaempfe, die Maenner wie Van Damm mit ihren Gegnern ausfechten muessen, aber auch von der Kaelte, die trotz Decken langsam die Beine hochkriecht, von den Geruchsschwaden, die aus dem Klo zu mir herueberwehen – ich war ja immerhin schon ueber 20 Stunden von Bolivien kommend unterwegs – , beginnt der Morgen und es mir vor den naechsten 26 Stunden zu grauen. Als der Pilot in der Nacht verschwindet und ich mich schon freuen will, endlich meine Fuesse ausstrecken zu koennen, ist der Platz von einem jungen, aeusserst schweigsamen Soldaten besetzt, der, kaum, dass er sich hingesetzt hat, sich in seinen Poncho huellt, eine schwarzgetoente Brille aufsetzt und noch schlimmer, als ich es kann,  – sich im Schlaf auf meine Schulter stuetzend – ungeniert zu schnarchen beginnt.
Die vorbeiziehende Landschaft aber – nichts als Wueste – und weitere 10 Kickboxfilme entschaedigen mich fuer die erlittene und noch einmal 26 Stunden zu erleidende Unbill. Was mir zu denken gibt, aber von den Fahrgaesten mit erstaunlicher Gelassenheit hingenommen wird, ist, dass der Fahrtbegleiter sich zunehmend weniger um die Passagiere und das Einlegen der DVD,s kuemmert, sondern zulaesst, dass zwei Stunden lang ein Film mit dem Titel angekuendigt wird: today is the day you die. Zu seiner Entschuldigung kann ich nur anfuehren, dass er sich in eine Zugestiegene verliebt hat, die gern bereit war, sich von ihm verwoehnen zu lassen. Sie ist fuer die Kaelte sehr duenn bekleidet und traegt eine Brille mit der nicht zu uebersehenden Markenaufschrift „Dolce Gabbana“.
Mich von Keksen und Cola ernaehrend, bin ich so beschaeftigt nicht mehr auf die Monitore zu starren, sondern hinaus auf die Atacama, die im Regenschatten der Anden wie Dornroeschen vor sich hindoest und schier nicht aufhoeren will, dass ich doch noch fast eingeschlafen waere, haette der Schaffner – die Bitten der Passagiere nach einem Liebesfilm nach soviel knochenbrechenden Kampfduellen missachtend – nicht doch noch einen Film geboten,  der mich an das Chile, wie ich es noch unter der Diktatur Pinochets kannte, erinnerte. Es ging um einen schwedischen Botschafter, der es wagte – als Diplomat vollkommen aus der Rolle zu fallen und nur seinem Gewissen gehorchend den Militaers die Stirn bot, indem er zB. die unter Beschuss geratene kubanische Botschaft zum Territorium Schwedens erklaerte oder hunderten Personen, die verzweifelt um Asyl ansuchten, Einlass gewaehrte. Dies soll sich tatsaechlich zugetragen haben. Der junge Soldat neben mir, war ebenso wachgeruettelt wie ich. Als ich ihn fragte, wie er gehandelt haette oder handeln wuerde, falls wieder einmal das Militaer die Macht uebernehmen sollte, behauptete er ziemlich glaubwuerdig, dass er niemals seine Waffe gegen sein eigenes Volk rchten wuerde. Wohl aber weiss niemand im voraus, wie feig oder mutig er in einer solchen Situation handeln wird. Es ist aber immerhin eine andere Position wie die, welche ein Unternehmer einnahm, dem ich damals als Deutschlehrer des Kantinstituts in Santiago Stunden gab, der zynisch meinte: „Es stimmt schon, dass viel Blut geflossen ist. Der Rio Mapoche aber war nicht rot, sondern nur rosa gefaerbt.“ Ich habe die ueber Demonstranten kreisenden Hubschrauber erlebt, aus denen scharf geschossen wurde und auch die Panzer in der Calle Ahomada, die mit bakterienverseuchtem Wasser die Menschen auseinandertrieb. Ich hatte als Auslaender damals wenig zu fuerchten, aber ich weiss noch genau, welche Stimmung in Santiago geherrscht hat und jeder, der gegen das Regime war, damit rechnen musste, dass er verraten und abgeholt wird.

Statt die Reise zu beschreiben, bin ich ueber den Film, der erst vor einem Jahr in Chile gezeigt wurde, mitten in meine Reise von 1979 geraten und freue mich, meine Freunde von damals wieder zu sehen.

Endlich in Chile. Die Grenze liegt auf einem fast 5000m hohen Pass. Ein Gletschersee und Seagulls erwarten uns. In der Ferne El ojo del Salado, mit seinen 6880 Metern der hoechste Vulkan der Erde. Wieder wird unser Gepaeck auseinander genommen. Ich nuetze die Gelegenheit meine Fuesse wieder zu erden und Fotos zu machen.

Ab jetzt geht es nur noch hinunter. Mein Soldat hat ein GPS, mit dem er nicht nur die Hoehe sondern auch die Entfernung zwischen Arica und seinem Ankunftsort messen kann. Er fahert aber nicht bis Santiago, sondern muss eine Stunde vorher aussteigen. Bis dahin aber ist es noch unglaublich weit. Von Arica bis zur tierra del fuego, dem cabo, sind es  immerhin mehr als 5000 km. Noch einmal die Distanz, die ich jetzt zuruecklege und ich bin am Ziel.

In der Zwischenzeit zeigt sich die Atacama von ihrer schoensten Seite. Alle 6 bis 7 Jahre seit El Niño und dem Klimawandel erblueht die Wueste. Ich habe die Reise zur richtigen Zeit unternommen. Was fuer ein Schauspiel der Natur und wie sie mit Farben zaubern und spielen und immer neue Kulissen schaffen kann, obwohl es immer die gleichen Steine und Felsen bleiben.  

Endlich werden sie durch gruene Streifen in den von beiden Seiten von Wuesten eingeschlossenen Taelern abgeloest. Es wird warm und die gut asfaltierte Strasse fuehrt hinunter zur Kueste. Bald werde ich das Meer sehen und da ist es schon.

Ich haette gern, dass die Kuestenstrasse bis Santiago fuehrt. Leider aber werde ich enttaeuscht. Wieder gehts hinein in wuestenaehnliche Landstriche. In grossen Abstaenden Staedte.  Dazwischen kaum besiedelt. Wueste, Wueste, Wueste. Oasen mit Palmen oder Tomatenplantagen und wieder Wueste. Der Fahrtbegleiter liegt auf seiner Lady, erstickt sie fast. Wenn er sieht, dass ich ein Foto machen will, ducken sie sich beide und warten oder machen mich auf lohnenswerte Fotomotive aufmerksam, was auf Dauer auch sehr anstrengend sein kann. Ich tue oft so, als wuerde ich fotografieren. Ausserdem ist die Batterie bald am Ende.
Ob mich meine Freunde vom Terminal abholen werden? Was, wenn der Pullman nicht – wie angekuendigt – um halb zehn ankommt, sondern, wie es ausschaut viel, viel spaeter? Da ich niemanden mehr erreiche, kann ich nur hoffen, dass ich ihre Geduld nicht allzusehr strapaziere. Ich muss am naechsten Tag nicht aufstehen und zur Arbeit gehen. Was fuer ein Privileg. Mittlerweile ist wieder eine Nacht angebrochen und wir sollten schon seit Stunden in Santiago angekommen sein. Jetzt ist ein Mann eingestiegen und hat neben mir Platz genommen, der sich als Journalist zu erkennen gibt und mir anbietet bei ihm uebernachten zu koennen, falls sich meine Freunde nicht einfinden sollten. Doch sie sind da und wir fallen uns in die Arme. Bis Valdivia wird ein neues Sicherheitsnetz gespannt werden, nachdem ich das von meinem Bruder gespannte verlassen habe.
Nach 30 Jahren verstehen wir uns, als waere keine Zeit vergangen. Jetzt aber nichts als schlafen, schlafen, schlafen. Van Damm verfolgt mich bis in die Traeume. Er ist als Sicherheitsbeamter fuer Allende abgestellt, kann aber nicht verhindern, dass sein Arbeitgeber erschossen wird. Er beginnt einen Feldzug gegen Pinochet… Das Drehbuch ist noch nicht fertig.

Morgen nach Valparaiso.

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