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Temuco

Ich habe mich geirrt. Nach Temuco bis Pucon sind es fast 1000 km. Bis hinunter zur Maghellanstrasse noch einmal 3000 km. Wenn ich es schaffe, was ich aufgrund der grossen Entfernungen und meiner Vorhaben in Valvidia zu bezweifeln beginne, werde ich einen Flug zurueck nach Santiago nehmen muessen. Beide Richtungen im Bus zurueckzulegen, wird sich in der Zeit, die mir noch bleibt, nicht machen lassen.

Ich begleite Maria und ihren Sohn Camillo zu einem Familientreffen. Ihre Mutter feiert ihren 74. Geburtstag. In Temuco aber will ich aussteigen. Ein Mapucheoesterreicher naemlich, den ich kurz vor meiner Abreise kennen gelernt habe, hat mir die Adresse einer Buchhandlung gegeben. Dort soll ein Mann sein, den es sich zu interviewen lohne.

Die Stadt schlief noch, als wir am Morgen ankamen. Kein Cafe weit und breit. Waere Maria nicht hartnaeckig geblieben, haette ich den naechsten Bus nach Pucon nehmen wollen. Ich habe es nicht bereut. Die Stadt – Hauptstadt Araukaniens im Herzland der Mapuche – hat bis auf wenige Hochhaeuser laendlichen Charakter.

Es sind mit Nut- und Federholz gezimmerte zweistoeckige Haeuser, die die rechtwinklig angelegten Strassen saeumen. Viele Universitaeten: private, kirchliche, staatliche.
Auf der plaza de armas zeigt ein Denkmal die kriegerische Vergangenheit. Pedro de Valdivia kam bei seinen Eroberungs- und Unterwerfungszuegen bis nach Chilloe. An Caopolican aber, der zusammen mit Lautaro die Indigenas im Kampf gegen die Invasoren immer wieder siegreich angefuehrt hat, heute noch Symbol des Widerstands, erinnern viele Strassennamen und Denkmaeler vom Rio Bio Bio bis zum rio Maule, der Grenze Araukaniens im Sueden, dem ehemaligen Mapucheterritorium, das bis ueber die Kordilliere weit nach Patagonien reichte. Im 34. Gesang der Hymne von Alonso de Ercilla y Zúñiga, La Araucana wird er so vorgestellt…«Yo soy Caupolicán, que el hado mío / por tierra derrocó mi fundamento, / y quien del araucano señorío / tiene el mando absoluto y regimiento». Bis heute haben sie ihren Widerstand gegen die Winkas *Bleichgesichter*  nicht aufgegeben * seit 500 Jahren im Krieg*  5 % der Bevoelkerung, als Volk mit eigener Sprache, Geschichte und Kultur vom chilenischen Staat nicht anerkannt, fristen die Mapuche heute verstreut und parzelliert, in Reservate abgedraengt, *verfolgt und einer starken Repression ausgesetzt, wenn sie sich wehren * ihres Bodens weitgehend beraubt, ein diskriminiertes, armseliges Leben.

Da das Mapuchemuseum erst um 10 Uhr oeffnet, lassen wir uns von einem Taxi auf den cerro Nielol bringen, wo wir die auf grossen Fotografien abgebildeten Mapuchestatuen, die sogenannten Rehues vermuten. Maria hat in dieser Stadt ein katholisches Internat besucht, da es auf dem Land keine Schule gab. Sie hat keine guten Erinnerungen an diese Zeit.


Wir finden sie tatsaechlich: Ueberdimensional grosse aus einem Stamm gefertigte Statuen. Zwei Paare von Maennern und Frauen, beide mit Hueten und grobgeschnitzten Gesichtszuegen in Nord-Suedrichtung auf die nahen Gebirge schauend. Kultplatz der Mapuche, wo sie ihre Erntedankfeste feiern. Die Luft ist feucht. Es ist ziemlich kalt. Der Boden fruchtbar. Bambushaine und unberuehrter Mischwald Baeumen, die nur in Chile wachsen und 35 unterschiedlichen Kraeuterpflanzen, aus denen Medizin gewonnen werden kann. Der Taxifahrer fragt uns, ob wir an schwarze Magie glauben. Sein Freund naemlich wurde aus Eifersucht verhext und wurde impotent. Darueberhinaus konnte er nur noch wie eine Frau aufs Klo gehen, was fuer ihn besonders erniedrigend gewesen sein muss, da er sich bald danach in die Obhut eines Machi oder Mapuchemedizinmannes begab, um sich von dieser „Krankheit“ heilen zu lassen. Heut hat er 4 Kinder und ist mit einer anderen Frau verheiratet, versichert uns der Taxifahrer glaubhaft und mit so grosser Erleichterung, dass uns der Verdacht kommt, er selbst koennte dieser Freund gewesen sein.

Dass sich hier seit 1850 viele Deutsche nieder gelassen haben, die heute noch Sprache und Kultur pflegen, davon zeugen die vielen Namen von Geschaeften, Schulen und sogar Namen von Kandidaten fuer das Amt des Buergermeisters. Selbst Busse sind in den Farben der deutschen Tricolore:rot-schwarz-gold bemalt.

Auf den Mauerwaenden macht ein Mural auf die Umweltverschmutzung durch Celco aufmerksam, eine von den vielen Zellstofffabriken, die Celulosa arauca, die ihre Abwaesser ungeniert in die Fluesse leiten. Das Thema wird mich in Valdivia beschaeftigen, einer Stadt, wo drei Fluesse ins Meer muenden und die Fischer eben  dieser kontaminierten Abwaesser wegen arbeitslos wurden.

Das erstemal sehe ich den Baum, der dem Land den Namen gab: die Araukaria. Eine Pinienart, deren langschotige Samen (pehuen oder piñones) sich als Zutat in der landeseigenen Kueche finden, aber auch auf der Strasse verkauft werden und wie geroestete Nuesse schmecken.

Das Mapuchemuseum, das jetzt endlich offen hat, ist eine Enttaeuschung. Wenige Gegenstaende. Keramik. ein paar Textilien. Der Mondkalender auf der „Kultrun“: In Mapudungun, der vom Aussterben bedrohten, eigentlich nur oralen Sprache der Mapuche, das Wort fuer Trommel. Ein bisschen Schmuck aus Silber und dem Holz der Araukaria, das war alles. Dafuer erfahre ich mehr ueber die Kolonisierung der Gegend (Gorbea) durch Hollaender, die 1903 waehrend der Zeit des Burenkrieges aus Suedafrika (Transvaal) nach Chile flohen.

So wie in Indien Ayuvedra als indigene Medizin angewandt und als Therapie exportiert wird, sind es hier die Mapucheapotheken, in welchen die aus den Pflanzen gewonnenen Heilmittel verkauft werden. Es gibt sogar eine Medizin, die wirkungsvoller als Viagra sein soll.

Das Meer kann nicht weit sein. Ein Mann verkauft Algen, im Mapudungun „cochayuyo“ die als  Suppeneinlage oder als Zutat fuer andere Speisen sehr nahrhaft sein soll. Die Lafkenche, wie die Indigenas an den Fluss/ oder Meeresufern genannt werden, sammeln sie und legen sie zum Trocknen aus, bis sie sich gelb faerben. Ein 1973 verabschiedetes Gesetz verlangt von den Lafkenche, die seit Jahrhunderten von dem Leben, was das Meer und die Fluesse ihnen schenken, dass sie als Gewerkschaft auftreten und Lizenzen erwerben, die alle vier Jahre in aufwendigen und kostspieligen Verfahren erneuert werden muessen. 

Maria laedt mich zu einem Curanto ein: ein Riesentopf von in Weisswein heissgekochten Zwiebeln, Muscheln, Schweinefleisch, Huhn und Knoblauchwurst, wobei jede Lage mit einem Krautblatt von der naechsten getrennt wird.

Nichts fuer Vegetrarier. Kaum zu essen, so reichhaltig, so maechtig. „La muerte“, sagt man hier, wenn man etwas eigentlich gar nicht essen duerfte, weil man danach suechtig werden koennte.

Da wir in der vom Mapucheoesterreicher angegebenen Strasse keine Buchhandlung finden,  machen wir uns am fruehen Nachmittag nach Pucon auf, das ungefaehr drei Stunden von Temuco entfernt fliegt. Die Landschaft fremdartig und vertraut, zwei Jahreszeiten in einer: Fruehling und Herbst. Die Strasse fuehrt am Ufer des Villarica entlang, eines 12000 ha grossen See,s, der sowohl dem nahegelegenen Vulkan als auch der Stadt den Namen gab, dem letzten Vorposten der spanischen Eroberer, den sie allerdings nach heftigem Widerstand der Araukanier wieder aufgeben mussten. Hier beginnt die Seenplatte, die bis zur Maghellanstrasse hinunter reicht. Hier haben sich die reichen Bewohner Temucos und Santiagos ihre Ferienhaueser gebaut. Luxurioese Hotelanlagen, Parklandschaften, Alleengesaeumte Einfahrten, nirgends ein oeffentlicher Zugang. Erst in Pukon. Ich bin hundsmuede. Nur noch schlafen.

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