Skopje in „FYROM“

Mein Sitznachbar beim Flug von Zagreb nach Skopje ist ein mazedonischer Gynäkologe. Falsch: Er war Mazedonier, hat aber vor Jahren die bulgarische Staatsbürgerschaft angenommen, um bei der Ausstellung eines Ausreisevisas den bürokratischen Hürden zu entkommen. Ich packe die Gelegenheit beim Schopf, mich so umfassend wie nur möglich aus berufenem Mund über die Verfasstheit des Landes zu informieren, um für die kommende Woche wenigstens mit so viel Kenntnis ausgestattet zu sein, dass nicht der Eindruck entsteht, ich hätte mich vielleicht aus Versehen in ein anderes Land verirrt. Ich wurde nämlich eingeladen, auf der albanischen Universität in Tetovo einen Radioworkshop mit Germanistik-Studenten zu leiten.
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Der Gynäkologe, der durch seine Reisen zu Ärztekongressen durchaus Vergleiche mit anderen Ländern ziehen kann, spricht von Mazedonien mehr von einer Region als einem Land, das durch seine Handelsstraßen schon vor über 2000 Jahren ein Brückenkopf zwischen Orient und Okzident war und wegen seiner geopolitischen Lage ein Zankapfel und Spielball machtpolitischer Interessen. 800 Jahre römische Herrschaft und 500 Jahre Teil des osmanischen Reiches haben ihre Spuren hinterlassen. Jahrzehntelang – und dann wieder nach dem Zerfall Tito-Jugoslawiens seine Identität suchend, wurde 1991 die Republik Makedonien aus der Taufe gehoben, die unter diesem Namen von den USA und 120 anderen Ländern anerkannt wird, so aber nicht von der EU. Der Namensgebung wegen mit seinem griechischen Nachbarn im Streit, sind EU- und NATO-Beitritt auf Eis gelegt: ein Streit, meint mein Sitznachbar, der, wie er weiter ausführt, wie auch die verfehlte Minderheiten- und Arbeitsmarktpolitik die Perspektivelosigkeit der Jugend festschreibt und zur Folge habe, dass viele, nicht nur gut ausgebildete Intellektuelle das Land verlassen, um im Ausland ihr Glück zu versuchen.  Auch seinem Sohn habe er empfohlen, sein Studium in Deutschland oder Amerika abzuschließen. In Makedonien habe er keine Chance auf einen seiner Ausbildung adäquaten Arbeitsplatz und wenn, dann unter Bedingungen, die jeder Beschreibung spotteten. Auch die schwelenden Konflikte zwischen Albanern und Mazedoniern, die jederzeit wieder in kriegerische Auseinandersetzungen münden könnten, wie schon einmal 2001, seien nicht dazu angetan,  seinen Kindern zu raten im Land zu bleiben.

So gebrieft komme ich am Flughafen in Skopje an, der – auf den Namen Alexander des Großen getauft – an das von ihm gegründete Weltreich erinnern und vor allem Griechenland ärgern soll, das ihn als Sohn seines Vaterlandes sieht. Das ist zwar schon ein Weilchen her, es scheint aber vor allem die derzeit herrschende Regierung in Makedonien noch heute so stolz zu machen, dass sie weder einen Kompromiss duldet noch irgendwelche Mittel scheut,  diesen Konflikt als einen von vielen, wie ich bald feststellen sollte, ständig auf Flamme zu halten. Das bestätigt auch der Taxifahrer, der das Ansinnen Griechenlands, dass sich Makedonien wegen der gleichnamigen Provinz im südlichen Nachbarland gefälligst umtaufen soll, wenn es in die EU will, entrüstet von sich weist. „Niemand gibt freiwillig seinen Namen her“, wiederholt er immer wieder, „und gibt so seine Identität auf. Wir wollen keinen anderen Namen und lassen uns den auch nicht mit EU-Geld abkaufen.“
FYROM (Former Yugoslav Republic of Macedonia) hat die EU diesen jungen Staat getauft. So würde ich auch nicht heißen wollen, denke ich mir. Dieser Name ist eine Strafe. Nur die Mazedonier, werde ich in Gesprächen mit hier lebenden Menschen erfahren, erinnern gerne die Zeit, in welcher sie von Tito als Makedonier mit nationaler Identität anerkannt worden seien, auch wenn  sie in der ärmsten Provinz des Balkanstaates am Tropf von Belgrad hingen und die Föderation mit Kohle, Tabak und den Devisen aus dem Tourismus versorgten. Für die Albaner war Tito allerdings derjenige, der ihren Grund und Boden an die Mazedonier verkauft hat. 3 Jahr nach der Recherche von Paul Lendvai, einem bekannten Balkanexperten, leben die Menschen hier also noch immer auf einer tickenden  Zeitbombe.

Es ist Sonntag und Mitternacht und auf der ganzen Meile mitten in der immerhin 700.000 Seelen zählenden Stadt finden wir – ich wurde von Ursula Reitner abgeholt, die an der albanischen Uni in Tetovo Germanistik unterrichtet und die Idee zu dieser Projektwoche geboren hat – kein einziges offenes Lokal, das einem eben angereisten Fremden einen Imbiss anbietet oder ihn – wenn es schon keine Küche mehr gibt – mit einem Rakki willkommen heißt, von einem mazedonischen Gläschen Wein, von dem mir der Gynäkologe so geschwärmt hat, ganz zu schweigen.

Am nächsten Morgen mache ich mich noch einmal auf die jetzt belebtere Meile, die an einem Ende in das Bahnhofsgebäude mündet, dessen Uhr noch immer die Stunde zeigt, in welchem ein fürchterliches Erdbeben 1963 große Teile der Stadt in Schutt und Asche gelegt hat. Durch Skopje fließt die Varda: Sie ist eine geografische, aber auch kuturelle Wasserscheide zwischen dem alten Teil der Stadt mit seiner von den Osmanen erbauten Burganlage (Kale) und dem wieder aufgebauten, modernen Skopje. Geht man nicht in Richtung Bahnhof, kommt man zuerst an einem abgrundtief hässlichen Gebäude vorbei, das Mutter Theresa gewidmet ist, welche die Makedonier als Nationalheilige jetzt für sich beanspruchen, während sie doch eine Albanerin war, wie der Devotionalienhandel mit ihrer Figur in Kruje nahelegt.  Ein beabsichtigter Schlag ins Gesicht für die im Lande lebenden Albaner also wie für viele von ihnen, die ein geschätztes Drittel der Bvölkerung in diesem noch immer multiethnischen Staat ausmachen,  auch das orthodoxe Milleniumskreuz auf dem Gipfel des Vodno.  Alles scheint hier religiös oder nationalistisch konnotiert: Von der Fahne über die religiösen Symbole bis hin zur Architektur. Vor allem die Architektur wird hier von der Politik instrumentalisiert. Die  machthabenden Politiker und Eliten dürften gerne mit dem Feuer spielen oder zumindest zündeln. Das zumindest lassen die mittlerweile weit fortgeschrittenen und äußerst umstrittenen Bauvorhaben im Zentrum von Skopje befürchten Dort wird zB. ein turmhoher Sockel errichtet, auf dem das Pferd Boukefalos -und eine Etage höher – Alexander der Große thronen soll, den wiederum die benachbarten Griechen für sich reklamieren. Auf der anderen Seite der Varda, über die man durch eine sanierte osmanische Steinbrücke kommt, entsteht ein architektonisches Monstrum. Meterdicke turmhohe Säulen tragen als klassizistische Verballhornung von Vestibül das Dach des zukünftigen Parlamentgebäudes. 250 Millionen Euro soll das Vorhaben kosten und 2014 fertig gestellt sein.  Geld, das für die Sanierung der maroden Schulen und Krankenhäuser besser ausgegeben worden wäre, meinten nicht nur ArchitekturstudentInnen, die als einzige auf die Straße gingen, um gegen dieses Projekt zu demonstrieren. Prompt wurden sie von der Polizei niedergeknüppelt.

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