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Das kommt davon

russpuppeDas kommt davon

Heute Nacht habe ich im Traum mir einen Ordner aufgemacht, der wieder Unterordner hatte, die mit einem Touchscreen Klick angewählt werden konnten. Die Ordner zeigten Traumsymbole, die ein kurzes Preview zuließen. Ich wählte den, wo ein Mann eine aus dem Kopf blutende Frau über eine Stiege in den Keller schleifte. Das schien interessant. Ein kurzer Blick auf die Seite bestätigte meine Vermutung, dass ich in einen anderen Computer eingedrungen, also eben dabei war, mir es in seinem System gemütlich zu machen. Hilf mir doch, sagte der Mann. Siehst du nicht, dass sie mir zu schwer wird? Er sah aus wie mein Bruder, hatte aber einen Bart. So einer, auf dem der Bierschaum kleben bleibt. Aber mein Bruder hat weder einen Bart, noch trinkt er Bier. Schon das allein hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. Tat es aber nicht. Warum auch sollte es das. War ja ein Traum, dachte ich. Ein Traum im Traum also. Einer, aus dem das Erwachen nur in Etappen erfolgen kann. Aber selbst jetzt, in dem Zustand, den ich als Wachsein deute, ist mir, als klebe tatsächlich Blut an meinen Händen. Auch der Anruf meines Bruders heute morgen war mehr als irritierend. Wie geht’s dir?, hat er gefragt. Eigentlich eine ganz banale und alltägliche Frage. Sollte man meinen.  Ich wollte auch schon antworten, wie ich es immer auf diese Frage tue, wenn es Menschen sind, die ich besser kenne, und von denen ich annehmen darf, dass die Frage keine vermeintliche Anteilnahme vortäuscht. Ich sage also: Du meinst auf einer Skala zwischen eins und zehn?, wobei eins kurz vor dem Freitod bedeutet und zehn ein in diesem Leben kaum erreichbares Paradies. Diese Erklärung gebe ich immer dazu, damit, wer fragt, ungefähr weiß, zwischen welchen Polen die Skala auf meinen Koordinaten angelegt ist. Jeder hat da andere Maßstäbe. Für R. zB. beginnt das wirkliche Gutgeh’n auf seiner Skala erst bei acht. Da aber müsste er schon von zwei außerordentlich hübschen Mietzen mit großen Glocken, wie er sich ausdrückt, flankiert sein. Dann aber würde er erst gar nicht mit mir telefonieren, hat er gemeint, weil, wenn es einem so blendend geht, will man selten gestört sein. Da er aber nie, nie in die Verlegenheit kommen würde, den Bedürfnissen von zwei Frauen gleichzeitig nachkommen zu müssen, könne er  auf einer Skala zwischen eins bis zehn, nicht einmal in die Nähe von sieben kommen.

Ich will mich da nicht mehr länger darüber verbreiten, wie die Skalen der Menschen aussehen, mit denen ich verkehre, aber mach einmal den Versuch, das bei den Leuten, die dir nahestehen, herauszufinden, und du wirst sehen, wie viel du über diese eine Frage alles in Erfahrung bringen kannst.

Aber zurück zum Anruf meines Bruders. Hätte er nur gefragt: Wie geht’s dir?, hätte ich die Frage ja schnell beantworten können. Beschissen nämlich. Jedenfalls weit unter fünf, wenn man mit dem Gefühl aufwacht, ein Mörder oder zumindest sein Komplize gewesen zu sein. Schuldgefühle beeinträchtigen das Wohlbefinden nämlich ganz erheblich. Das kannst du mir glauben. Er hat aber nicht nur gefragt: Wie geht’s dir heute?, sondern hat noch die Frage dazu gehängt: Wie war die Nacht? So als wüsste er von meinem Traum im Traum und das mit der am Kopf blutenden Frau, die er mich die Kellertreppe hinunter zu tragen doch gebeten hatte, weil sie ihm zu schwer war.  Da war jetzt guter Rat teuer. Sollte ich so tun, als wüsste ich, dass auch er um alles weiß, oder frage ihn rundheraus, was er denn heute Nacht in meinem Traum verloren hatte?

Auch wenn es der eigene Bruder ist: Ich will nicht für einen Spinner gehalten werden.

In deinem Traum? Was ich in deinem Traum verloren hatte?, fragst du mich, könnte er nämlich darauf antworten, und das entweder ernst meinen oder als einen Scherz abtun, und für beides war ich keineswegs gerüstet, denn das Handy zwischen Schulter und rechtem Ohr eingeklemmt, war ich noch immer dabei, das verkrustete Blut von meinen Händen zu waschen. Eigentlich wollte ich von ihm hören, dass ich nicht geträumt hatte, aber diesen Gefallen wollte er mir einfach nicht tun. Denn wenn ich das alles nicht geträumt habe, und wir die Frau nicht die Kellertreppe hinunter, sondern hinauf getragen haben, weil mein Bruder sie dort bewusstlos gefunden hatte, wäre mir jetzt wesentlich wohler. Die Treppe nämlich war so  eine, wie man sie auf Vexierbildern findet, die optische Täuschungen zulassen.

Ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Selbst den Handlauf erkenne ich wieder. Es ist die selbe Treppe, die wir schon als Kinder gruselig fanden, weil uns ein Geruch von Moder entgegenschlug, wenn wir, um Marmelade oder Eingemachtes oder im Winter Holz und Kohle zu holen, in den Keller mussten. Das Licht war eine Funzel. Es stammte von einer Glühbirne, die rundherum mit einem Gitter versehen war. Eine Gruben- oder Sturmlampe, die unser Großvater bei einem Trödler gefunden und  mit einem Haken an die Decke gehängt hatte. Das fahle Licht flackerte und schrieb kohlenschwarze Schatten auf die gekalkten Wände, auf denen der abgefallene Verputz selbst bei Tageslicht mir Angst einjagte, weil ich in den so entstandenen Umrissen nichts anderes mehr als Spukgestalten sehen konnte.

Ich verstehe ja, dass du ungehalten wirst, und endlich wissen willst, was in jener Nacht geschehen ist, aber ich muss dich noch ein Weilchen hinhalten, weil ich’s ja selber nicht weiß. Vielleicht aber erinnere ich mich wieder an alles, wenn ich es dir erzähle. Manchmal nämlich kommt man von Träumen wie von Reisen zurück, die lange, vielleicht zu lange gedauert haben, um sich dort, wo die Heimat vermutet wurde, wieder zurecht zu finden. Und es kommt vor, dass einer aus dem Koffer zu leben beginnt, weil er sich nirgends mehr zu Hause fühlt. Dieser Traum ist einer solchen Erfahrung ähnlich, denn noch immer weiß ich nicht, ob ich schon wach bin oder mein Traum noch anhält und mir das Wachsein vortäuschen will. Vielleicht habe ich gar keinen Bruder. Vielleicht ist auch der Anruf nur erdacht gewesen. Meine Gewissheiten werden täglich weniger, wobei täglich in der Traumzeit ein ganzes Leben bedeutet.

Gerne würde ich die anderen Ordner aufmachen, aber immer wähle ich diesen. Was jetzt die Ordner sind, waren in anderen Träumen in anderen Traumzeiten Türen; Türen auf einem langen, langen Gang und hinter jeder dieser Türen lauerten sprungbereit die Gefahren, denen einer sich stellen muss, wenn er wachsen und reifen will.

Du bist nur groß geworden, aber ein Kind geblieben, hat die Frau gesagt. Jetzt erinnere ich mich wieder. Sie hatte zwar eine Wunde am Kopf, aber sie konnte sprechen. Das beruhigt mich jetzt wieder. Von Mord- oder Mordabsichten also  keine Spur.

Herr Richter, nein, das stimmt nicht. Ich habe sie nicht gehasst. Manchmal hatte ich eine Mordswut auf sie, aber das sagt man nur so. Mordswut. So groß war die Wut auch wieder nicht, obwohl ich ihr schon an den Kragen wollte. Auch das, Herr Richter, sagt man so, wie sie ja sicher wissen.

Kennst du das, dass du ein Plädoyer führst in deinem Kopf, so, als wärest du angeklagt und dürftest dein eigener Verteidiger sein, also auf nichtschuldig plädieren, aber genau wissen, dass in diesem Prozess alle Indizien gegen dich sprechen, und das Urteil schon gefällt war, noch bevor du die Einladung zur Gerichtsverhandlung zugestellt bekommen hast? Kennst du das? Wenn nicht, dann kannst du hier zu lesen aufhören, denn dann habe ich nichts mit dir gemein.

Du hast also entschieden, mir weiter zuzuhören, indem du diesen an dich gedachten Brief liest. Bedenke aber, dass er nur gedacht und nicht geschrieben ist. Auch wenn du jetzt schwarz auf weiß lesen kannst, schreibe ich mit geträumter Tinte meinen Traum zu einem Ende, das er nicht hatte. Oder doch? Das ist es ja, was das Schreiben auszeichnet, dass ich dich und mich erfinden kann, selbst, wenn es uns beide nicht geben sollte. Kannst du mir noch folgen?

Ein Freund, und einer, den ich mir nicht eingebildet habe, will ich hoffen, hat mir eine Familienaufstellung empfohlen. Dort könne ich das Leid – er deutete die Frau, mit der wir uns abschleppten (für einen wäre die Last zu groß) als Leid, das ich tragen wolle, schon viel zu lang. Es wäre an der Zeit, die Rolle des Leid tragenden aufzugeben.

Es war eine vorsichtige Deutung, aber ich war gleich mit ihr einverstanden. Vielleicht hatte ich ja vor, das eine Frau darstellende Leid im Keller zu entsorgen. Vielleicht sind mir daraus meine Schuldgefühle entstanden, dass ich es auf diese fast kriminelle Art loswerden wollte.

Aber das Blut? Woher das Blut? Das kommt davon. Wovon?, habe ich gefragt. Vom Aufschneiden!, hat sie gesagt, und ich will, ich muss es ihr glauben.  Hast dich geschnitten, wenn du glaubst, dass ich jetzt Mitleid mit dir habe. Ja, das hatte ich nun davon, ja, ich hatte mich geschnitten. Jetzt konnte ich mich brausen oder baden gehen, um es abzuwaschen. Das Blut nämlich, muss ich zugeben, war zu dick aufgetragen.

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