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Urban gardening als politischer Akt

P1130213Mittlerweile habe ich das U-Bahnnetz von Athen im Kopf. Kein Kunststück, da es nur drei Linien gibt. Ein Ticket für Senioren kostet 0.70 Cent. Nicht viel, wenn man bedenkt, dass man damit von einem Ende zum anderen über eine Stunde unterwegs ist. Neue Garnituren sind so gut klimatisiert, dass man sich bald wieder ins Freie wünscht. Da brüllt allerdings die Sonne vom Himmel, dass man gerne ohne Ende in der U-Bahn bliebe. Das Meer ist weit weg und der Abend noch lange hin.

 

P1130225P1130222P1130223Aber ich treffe mich heute mit Leuten einer Initiative, die verhindern will, dass das vor den Olympischen Spielen stillgelegte Flughafengelände Opfer von Spekulation wird. Es ist ein riesiges Areal von mehr als 1000 ha mit 470 zum größten Teil bewohnten Gebäuden, Hangars und der ganzen Flughafeninfrastruktur, ganz zu schweigen vom dazwischen brachliegenden Land, das bis an die Küste reicht. Wenn es nach den Plänen der Regierung geht, soll das Areal zu Spottpreisen an Hotelketten verkauft werden, die auf dem Gelände Golfplätze, Kasinos und Hotels errichten wollen. „Die Regierung verkauft unser Tafelsilber. Alles, was vor dem staatlich und öffentlich war, soll privatisiert werden“, beklagt Jota, eine Soziologiestudentin, die in der Glutofenhitze eben dabei ist, Löcher für die Tomatensetzlinge zu graben. „Wir bewirtschaften brach liegendes Land. Es ist nicht viel, was wir anbauen. Es ist ein Statement. Ein politischer Akt. Weg vom bloßen Konsumieren hin zur Selbstermächtigung.“ Auf der anderen Seite des Beetes harkt ein junger Mann das Unkraut aus dem Acker und entfernt die darin liegenden Steine. Er hat zugehört und ergänzt: „Jota hat Recht. Seit ich hier mithelfe, weiß ich, wie mühsam, aber auch befriedigend es ist, Gemüse selbst anzubauen. Es schmeckt anders, weil wir keine Chemie verwenden.“ Wie sich herausstellt, ist er einer von den 2000 entlassenen Lehrern der Sekundaria. Weitere 3000 sollen folgen“, empört er sich. „9 Monate bekommen wir ein reduziertes Gehalt, dann müssen wir schauen, wo wir bleiben, ohne Aussicht auf Wiederanstellung. Das alles unter dem Deckmantel eines notwendigen Umbaus des Bildungswesens. Auch dort ist Privatisierung das Ziel. Viele von uns haben sich zusammen getan und geben unentgeltlich Unterricht in allen nur denkbaren Gegenständen für Kinder, die Nachhilfe brauchen.“
P1130234Nach der Arbeit wird unter einer schattenspendenen Olive Platz genommen und diskutiert, welche Aktivitäten unternommen werden könnnen, um mehr Menschen zur Unterstützung ihrer Initiative zu gewinnen. Eine ältere Dame, eine Engländerin, seit 30 Jahren mit einem Griechen verheiratet, ist so freundlich, für mich zu übersetzen. Die Griechen sind sehr polyglott, wie mir scheint. Immer wieder finde ich jemanden, der mit mir in einer der romanischen Sprachen kommunizieren kann. Es geht um den Zugang zum Wasser, um die Finanzierung der für die soziale Gartenarbeit notwendigen Geräte. Geplant sind Einladungen an Schulklassen, denen ein Teil des urbar gemachten Ackers zur Verfügung gestellt werden soll. Ein Festival ist in Planung. Freundschaftlich geraten sie aneinander, wie ich aus der Lautstärke der Stimmen entnehmen kann, denn es gibt unterschiedliche Vorstellungen darüber, welche Aktivitäten Prioriät haben. Während abgestimmt wird, ist ein Schweizer Fernsehteam  von RTS (Radio Television Suisse) eingetroffen, das, wie ich, Interesse an den aus der Krise entstandenen Initiativen und sozialen Bewegungen der Athener Zivilgesellschaft  zeigt. Sie werden ebenso herzlich willkommen geheißen wie ich wenige Stunden zuvor. Mitgebrachtes Essen wird herumgereicht, Grappa ausgeschenkt, und der Nachmittag vergeht wie im Flug im Gespräch mit Menschen, die sich zusammen geschlossen haben, um nach ihren Möglichkeiten Beispiel zu geben, dass es keine Lösung ist, die Hände in den Schoß zu legen und dem unheilvollen Gang der Dinge ihren Lauf zu lassen.

P11302177000 Selbstmorde seit 2008 sprechen eine deutliche Sprache. Griechenland liegt am Boden. Der von der Troika und IWF aufgezwungene Sparkurs und die von der Regierung Samaras mitgetragene Austeritätspolitik führt für Hunderttausende von Menschen, immerhin die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung,  in ein Elend mit für uns Mitteleuropäer, denen es im Vergleich noch leidlich gut geht, kaum vorstellbarem Ausmaß. Schließen wir die Augen und schauen Fußball oder üben wir Solidarität, die auch darin bestehen kann, denen zu widersprechen, die von einer selbstverschuldeten Krise sprechen und mit Strache meinen, dass wir Steuerzahler für Pleitestaaten wie Greichenland und die anderen PIGS (Portugal, Irland, Griechenland und Spanien) keinen Cent hergeben sollen. Wie viele Jahre trennen uns von einem ähnlichen Schicksal? Das meine Frage. Ist Europa ein soziales Projekt? Kann es eines werden?

„Die Demokratie, für die Athen einmal die Wiege war, haucht hier ihr Leben aus. Wir sind zu einem Suppenküchenstaat verkommen“, meint Giannis, der mich am Syntagmaplatz um eine Zigarette gebeten hat, „aber glaub mir, wir Griechen sind ein stolzes Volk. Wir sind keine Loser. Wir werden auch damit fertig werden. Europa hat uns im Stich gelassen.“ Wie viele Griechen ist er verbittert und frustriert und der Meinung, dass es besser wäre, die Eurozone zu verlassen.

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