ReArm Europe

Peter sieht seinen Großvater mütterlicherseits auf einer Bahre liegen. Aus dem Druckverband quillt Blut. Ein glatter Lungendurchschuss. Sie wollen ihn krepieren lassen. Er soll hier zwischen steil- aufragenden Felswänden auf beinahe 3000 m Seehöhe mit Blick auf die Drei Zinnen einfach liegengelassen werden. Es gibt kein Wasser mehr, keine Maultiere, keine Moral. Hans S. zwingt zwei Sanitäter mit vorgehaltener Armeepistole, ihn ins Tal zu tragen. Er fürchtet, dass sie sich über Blicke verständigen und ihn wie Müll über den nächsten Felsen kippen. Gefallen in den Dolomiten, würde es heißen. Für Ehre und Vaterland. 23. Mai 1915. Wenn er es ins Basislager schafft, war für ihn der Erste Weltkrieg vorbei, aber seine Kräfte verlassen ihn. Er schließt die Augen. Er öffnet sie. Jetzt nur nicht einschlafen.

Sein Enkel schaut ihm zu, wie er – nur mit einer Unterhose bekleidet – im Schnee seine Gymnastik macht wie jeden Morgen. Er sieht das Loch auf der linken Seite der Brust und darf seinen Finger hineinlegen. Das Loch ist tief. Auch dort, wo das Projektil ausgetreten ist, hat es eine vernarbte Wunde hinterlassen. Der Großvater schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und grätscht dabei die Beine. Wie der Hampelmann, der über Peters Bett hängt.

Ich hab mit 17 die Kriegsmatura gemacht und mich zu den Panzern gemeldet, begann er. Weiß auch nicht, was mich da geritten hat. Es war der 14. Juli 1944. Vier Jahre vor deiner Geburt. 21 muss ich da gewesen sein. Gefreiter war ich.

P. erinnert sich an einen Abend, als sein Vater das erste Mal und dann nie wieder über den Krieg zu sprechen kam. Es war ein schwüler Abend im Sommer. Die Grillen zirpten. Kerzen wurden angezündet, Wein ausgeschenkt, Olivenkerne ausgespuckt. Die Stimmung so gut, dass niemand diese Geschichte erwartet hatte. Er erinnert sich noch an den aufgehenden Mond und einen Sternenhimmel, wie er in den lichtverschmutzten Städten sonst nicht zu sehen ist. Er erinnert sich auch an das bedrückende Schweigen, nachdem sein Vater seine Geschichte erzählt hatte.

Ladeschütze einer Panzerdivision war ich. In der Nähe von Bologna ist unser Panzer unter den tonnenschweren Gesteinsbrocken einer eingestürzten Brücke begraben gewesen. Der Fahrer tot. Beide Einstiegsluken nicht mehr zu öffnen. Ich war eingeklemmt. Nein. Eingemauert. Ja, eingemauert in einem Sarg aus Stahl. Beißender Gestank von Benzin und Öl. Geruch von verbrannter Elektronik. Mörderhitze, die mir den Atem raubt. Stille. Weit weg das gedämpfte Bumm Bumm der Artillerie. Ich hab mir gewünscht, ich wäre bewusstlos geblieben oder auch tot. Kein Wasser.

Er schließt die Augen. Selbst wenn er sie geöffnet hielte, sähe er nichts, denn der Vater seines Vaters ist blind. Es ist die zweite Angriffswelle. Spreng- und Brandbomben fallen wie Regen vom Himmel. Kein Wasser kann den Feuersturm löschen. In den Luftschutzkellern ersticken die Menschen in den Brandgasen. Er tastet an den Wänden entlang, sucht die Stiege. Sie trampeln über ihn hinweg. Er liegt am Boden. In Embryohaltung. Versucht sich zu schützen, verliert das Bewusstsein. Ein Faschingsdienstag im Zweiten Weltkrieg. Drei Monate vor Kriegsende zu Tode getrampelt auf der Flucht aus Dresden.

Am Bettende steht ein Mann. Ein an einem Faden aufgehängter Stein pendelt über seine Füße, über seinen Körper, über seinen Kopf. Was will er? fragt P. Was hat er hier verloren mitten in der Nacht? Er liegt auf dem Rücken. Wie ein Käfer, der nicht mehr auf die Beine kommt. Das Brustbein gebrochen, die Naht mit Laser zugeschweißt. Fällt wieder in Schlaf. Sieht eine schwarze Kutsche, gezogen von Wimpel geschmückten Pferden. Auch sie schwarz. Der Kutscher hat einen Zylinder und einen Frack und den Kopf verkehrt herum. Er jagt mit ihm durch die Nacht. Die Achse bricht. Die Kutsche fällt um, radiert funkenschlagend über den im Mondlicht glitzernden Asphalt. Er hört das gellende Lachen des Kutschers, der auf ihn hinunter schaut und dann sagt: Ist doch gar nicht so schlimm das Sterben, als etwas Nasses über seine Stirn fährt. Die Stationsschwester wischt ihm den Schweiß von der Stirn. „Sie haben ziemlich wirr geträumt.“, sagt sie, nimmt das Thermometer aus seiner Armbeuge, prüft den Säulenstand des Quecksilbers, schüttelt den Kopf und dann das Thermometer, schreibt etwas auf das Klemmbrett, hängt es am Bettende auf und geht aus dem Zimmer.

Peter ist der Sohn des Vaters und Enkel zweier Großväter in der männlichen Abfolge der Generationen. Er gehört also der ersten Generation an, in welcher es keinen Krieg gegeben hat. Zumindest keinen in Mitteleuropa. Dafür jetzt wieder eine als Friedenssicherung getarnte Aufrüstung, nachdem die transatlantische Partnerschaft auf der Kippe steht. Die EU-Kommission spricht von 800 Milliarden Euro. 150 Milliarden zusätzlich als Kreditrahmen für Verteidigungsinvestitionen.  950.000.000.000 Euro für ReArm Europe. Das kommt einer Auflösung der Budgetdisziplin gleich. Österreich gibt 2026 4,8 Milliarden Euro für Rüstung aus. Gleichzeitig werden Sozialausgaben gekürzt. Si vis pacem para bellum: Wer Frieden will, rüste zum Krieg. Sind wir wieder so weit?

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