17 Juni Třebíč
Nachdem ich auf Spurensuche in Nordböhmen war, der ehemaligen Heimat meiner Großmutter, ein kurzes Wochenende in Trebitsch, das mit 2 wiederhergestellten Synagogen und einem der größten jüdischen Friedhöfe Europas, aber auch mit dem Kleinod der böhmischen-mittelalterlichen Architektur die Besucher lockt. Keine 2 Autostunden von Wien entfernt fährt man auf gutausgebauten Landstraßen über Znaim hinein ins Böhmisch-Mährische Hügelland und in eine andere Zeit, in welcher die geschichtliche Verbundenheit mit unserem Kulturraum sichtbare Zeichen hinterlassen hat. Zwischen Znaim und Trebitsch machen wir Halt, um das mährische Versailles, das größte Barockschloss in Jaromerice zu besichtigen, das nach Plänen von Lucas von Hildebrandt und Jakob Prandtauer 7-flügelig errichtet worden ist und einen 9 ha großen französischen Garten mit englischem Park beherbergt, in dem der österreichische Graf Questenberg im 17.Jhdt. jährlich bis zu 30 Opern aufführen ließ.
Wenig später sind wir in Třebíč , das auf der linken Seite des Flusses Jihlava mit 123 Häusern, engen Gassen und Treppen, die zum Felsen hin aufsteigen, das einzige vollständig erhaltene Judenviertel Europas aufweist, in welchem Juden aus Polen, Ukraine und Osteueropa – sich fast vollständig selbstversorgend mit Werkstätten und koscheren Metzgereien – eine neue Heimat gefunden hatten. 1850 wurde das Ghetto offiziell aufgehoben. 1942 300 Juden nach Theresienstadt deportiert und ermordet. Heute leben dort keine Juden mehr. Das Viertel wurde aber von der UNESCO auch deshalb unter Schutz gestellt, um 800 Jahre friedlicher Koexistenz mit der christlichen Gemeinde zu würdigen. Bei einer Besichtigung der Synagoge, die viele Jahre als Depot für Kartoffeln gedient hatte sowie eines Privathauses mit einem ebenerdigen Kaufladen, der mich an meine Kindheit erinnert hat, konnten wir in eine längst versunkene Welt eintauchen. Der Besuch des jüdischen Friedhofs hat uns vor Augen geführt, dass hier einmal bis zum Zusammenbruch der Donaumonarchie Deutsch gesprochen worden ist. Die Germanisierung Mährens begann 1786 durch die habsburgische Monarchie und 1939 nach der Proklamation des Protektorats Böhmen und Mähren, die die Auslöschung der tschechischen Nation zum Endziel hatte. 1945 aber – nach dem Ende des Unterdrückungsregimes durch die Nazis – fand sie durch Aussiedelung und Vertreibung der deutschen Minderheit ein jähes Ende.
Von oben erwähnter friedlichen Koexistenz zeugt auch die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Judenviertel dreischiffige Basilika St.Prokop aus lokalem Granit mit original gotischen Fresken und einer beeindruckenden Krypta mit 50 Säulen. Das 14. und 15. Jhdt. war weder für die Kirche noch für Trebic selbst ein gutes Jahrhundert. Zuerst wurde Trebic die militärische Basis der Hussiten, 1462 ließ sie Mathias Corvinus zerstören und 6 Jahre später verließen nach großen Beschädigungen die letzten Mönche das Gebäude, das 200 Jahre nur noch weltlichen Zwecken diente. Es war Brauerei, Stall sowie Wasch- und Schlossküche. Dann wurde es im Zuge der Re-Katholisierung nach dem 30-jährigen Krieg restauriert. 2003 wurde die Basilika zusammen mit dem jüdischen Viertel UNESCO-Welterbe.
Das Hotel, das einst das Armenhaus des jüdischen Viertels war, wurde aufwendig restauriert und bietet großartigen Komfort. Vom Fenster aus schaut man hinunter in die verwinkelten Gassen. Angeblich waren die Häuser früher über den Wohnraum als Durchgang miteinander verbunden. Da es wenig Raum für Bäume gibt, werden Pflanzen in Kübeln gezogen und so noch der kleinste Vorgarten begrünt. Das Viertel wirkt wie ausgestorben. Das eigentliche Leben scheint sich auf der anderen Seite des Jilhava abzuspielen. Ist es Dornröschenschlaf oder Stagnation? Die fehlende Aufbruchstimmung trifft besonders auf die ländlichen Regionen zu. Dort herrschen Landflucht und hohe Arbeitslosigkeit. In Třebíč selbst ist das Krankenhaus neben der Schuhindustrie der größte Arbeitgeber. Eigentlich wäre anzunehmen, dass der Tourismus als Wirtschaftsfaktor eine größere Rolle spielt. Immerhin gibt es einige UNESCO-Welterbestätten. An diesem Wochenende allerdings waren wir bis auf die Gäste aus der Tschechei selbst die einzigen Touristen.
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Helmut Hostnig
Posted at 17:11h, 18 JuniLieber Manfred,
ein Lernen aus Geschichte scheint nicht möglich. Das Zeitfenster, in welchem es möglich schien, schließt sich gerade.
Liebe Grüße und danke für deine Kommentar.
Manfred Voita
Posted at 11:05h, 18 JuniSehr gelungene Aufnahmen und Eindrücke aus einer Region, die immer auf der Liste meiner Reiseziele steht. Allerdings geht es bei mir um den Grenzbereich zu Sachsen. Dass der Anspruch auf die von Deutschen, Tschechen und anderen Völkern besiedelten Gebiete letztlich praktisch zum Untergang einer gemeinsamen Kultur führte, ist eine Ironie der Weltgeschichte. Man könnte daraus lernen, wenn man den lernen könnte.