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Bregenz: Vaterstadt und Muttersprache?

Ich möchte dich heute zu einem Spaziergang durch meine ehemalige Heimat- oder Vaterstadt einladen. Ich will mich dieser Stadt zuerst annähern, als wäre ich ein Fremder, den es zu einem kurzen Aufenthalt nach Bregenz verschlagen hat. Wie sich aber bald herausstellen wird, ist dies kaum möglich, da ich mit ihr allzu vertraut bin, und mich die Straßen und Wege rufen, die ich als Kind und Jüngling (gibt es dieses Wort noch?) gegangen bin. Trotz der unübersehbaren Veränderungen, die in all den Jahren meiner Abwesenheiten stattgefunden haben, überlagern sich wie unter Blaupausen die Gegenwart von damals mit der von heute, vermischen sich, so als würde ich im Wachen träumen.

Ich imaginiere sepiafarben Häuser und Brücken, wo keine mehr stehen, höre Stimmen, wo niemand ist, und kann selbst, wenn die Sirene an einem Samstag Mittag schrillt, – und wie ich es noch aus meiner Kindheit kenne -, mit dem Gedröhne der vielen Kirchenglocken wetteifert, um das Ende einer Arbeitswoche einzuläuten, den Duft von Maggi atmen, obwohl die Fabrik schon lange nicht mehr existiert und nur noch sein Backsteinschlot als Zeuge einer längst vergangenen Epoche in den Himmel ragt.

Vater-Land oder Vaterstadt: Die Väter scheinen den Ort vorzugeben, die Mütter die Sprache.  „Heimat“ hat jemand einmal meinen Radiokids geantwortet, als ich sie auf die Straße schickte, um Passantenmeinungen einzufangen, „ist dort, wo ich noch nie war, aber gerne wäre.“ Vielleicht hat er sich mit der Philosophie von Ernst Bloch und seiner konkreten Utopie als Prinzip der Hoffnung beschäftigt, diesem nämlich ging es „ um den Umbau der Welt zur Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Vielleicht aber hat auch er dort, woher er kam, die Geborgenheit vermisst, aus der später ein Heimweh entstehen hätte können.  Ich jedenfalls bin froh, dass ich gegangen und nicht mehr zurück gekehrt bin und begreife daher diesen Ort, in welchem ich meine sicherlich prägenden Kindheits- und Jugendjahre verbrachte, heute nicht mehr als Heimat. Ich habe dort weder einen Fußabdruck hinterlassen noch Wurzeln geschlagen. Nein: Heimat ist es keine mehr, aber sie war es.
Welcher Missbrauch mit dem Begriff „Heimat“ schon wieder betrieben wird, davon zeugen die frisch aufgestellten Wahlplakate der Vorarlberger FPÖ, die vor der „Überfremdung in unseren Schulen“ warnen und „Sicherheit“ garantieren wollen. Dass sich  selbst im schwarzblauen Ländle Widerstand gegen diese Politik der Angstmacherei und Ausgrenzung regt, bewiesen Bürgermeister und Bewohner einer Gemeinde in Röthis, die vorläufig verhindern konnten, dass eine Familie in einer Nachtundnebel-Aktion in den Kosovo abgeschoben wurde.

Natürlich hatten die geografischen Koordinaten, die Landschaft und die Menschen, aber auch die Sprache prägenden Einfluss auf meine Entwicklung genommen. Wie könnte das auch anders sein.

„I bi döt gsi (sprich es mit melodischer Betonung auf döt)“. Das ist weder Thai noch Griechisch, wie das Xi vielleicht vermuten lässt,  sondern eben Muttersprache.  Was an ihr auffällt, ist, dass sie  ohne Mitvergangenheit  auskommt (was gsi isch isch gsi, was i ghaa han, han i ghaa und was i gseaha han, han i gseaha = was gewesen ist, ist gewesen, was ich gehabt habe, habe ich gehabt und was ich gesehen habe, habe ich gesehen). Sie verniedlicht auch alles, indem sie an die Hauptwörter en -le anhängt,  und Zwielaute vermeidet. Beispiel gefällig?

Des Hüsle, wo geschtern brennt hot, hot wega deam schindldächle  a schös füerle gea. Verstanden oder soll ich übersetzen? Wer seine Fremdsprachenkenntnis testen will, um sich für einen Aufenthalt bei den Gsibergern zu rüsten, dem rate ich, die vielen  Quiz zu absolvieren, in denen nicht ohne Stolz das Besondere dieser Mundart hervorgehoben wird. Wenn du zum Beispiel  beim Gemüsehändler eine Gurke kaufen willst, kannst du mit „A Gugomörö, bittschön“ auftrumpfen.

Obwohl also dieser alemannische Dialekt  durchaus seinen Charme hat,  war ich immer froh, wenn meine Herkunft über die Sprache, die ich neben der Muttersprache erlernen musste, um in den Schulen Wiens zu bestehen, nicht zu erraten war.  Viel lieber wäre ich mit der Subsprache der „schwoazn Tintn“, also dem Wienerischen in seiner Ausprägung als Meidlinger Dialekt schon von Kindes Beinen an vertraut geworden, aber des hot nit sölla si.

Einmal abgesehen davon, dass meine Mutter noch hier lebt,  gibt es schon der Erinnerungen wegen noch eine Art Verbundenheit mit dieser Stadt.  Sie ist zwar nur die drittgrößte im Lande, was auch die Tatsache spiegelt, dass man  (außer vielleicht zur Festspielzeit) noch lange vor Mitternacht  keinen Menschen mehr auf ihren Straßen findet.  Dieses verschlafene Provinzstädtchen schämt sich aber nicht, den Status einer Hauptstadt für sich in Anspruch zu nehmen.  Es trotz aller Unkenrufe zu bleiben, bemühen sich die Stadtväter (gibt es auch Mütter?) redlich. Vor allem im Sommer kann es Bregenz, am Ostufer des Bodensees gelegen, in Bezug auf Verkehrsaufkommen und Stau mit jeder Großstadt der Welt aufnehmen. Der vignettenpflichtige Tunnel, mit dem die Stadt umfahren werden kann, hat wenig zur Entlastung dieses Nadelöhrs beigetragen, im Gegenteil: Wer diese Teilstrecke der A14 im Sommer befahren muss, weil er in die Schweiz oder nach Deutschland will, – ja Bregenz liegt genau dazwischen-, tut gut daran,  mit genügend Proviant oder Reiselektüre vorzusorgen.  Muss ein Einheimischer oder Nativespeaker mal kurz in die Stadt, – er muss  seine guten Gründe haben – , hilft ihm auch seine Ortskenntnis nicht weiter. Schleichwege gibt es keine. Irgendwann muss er auf die Hauptstraße. Dort kann er dann im Schritttempo fahrend darüber nachdenken, wem er in den letzten Wahlen die Berechtigung erteilt hat, seine „Vaterstadt“ planmäßig zu verschandeln.

Im Stau steckend erinnert er sich vielleicht an den alten K.u.K. Bahnhof und intoniert, (wenn er trotzdem gutgelaunt bleibt) das damals noch auf Schulausflügen viel gesungene Lied: „Fahr ma no a klele (ein bisschen) mit dem Wälda Isabähle (Bregenzer Wälderschmalspurbahn)“  und geht in Gedanken über die Gulaschbrücke, die direkt von der Stadt zum See geführt hat. Heute,  denkt er nicht ohne ein bissele Wut im Bauch, muss ich 300 m weiter zum neuen Bahnhof gehen, von dessen Architektur man nicht weiß, ob hier die 3 f des Funktionalismus „form follows function“ nicht einfach umgekehrt worden sind, und wenn ich von der Stadt aus zum See will, stehe ich meistens vor heruntergelassenen Schranken, weil die Züge im 5 Minuten Takt von Deutschland nach Österreich oder umgekehrt fahren. Immerhin: Die Autobahn, die direkt am See entlang geführt werden sollte, ist verhindert worden und die Geleise sollen, wie es schon einmal Plan war – so die Stadt Geld hat – in den Rücken des Pfänders,  dem Bregenzer Hausberg, und des im Allgau auslaufenden Bregenzerwaldes hineinverlegt werden.

Geld hat die Stadt vor allem für kulturelle Rahmenprogramme, die jeden Rahmen sprengen. Das Kunsthaus in Bregenz, kurz KUB genannt, mit seinen milchglasähnlichen Glaspaneelen, die das Umgebungslicht aufnehmen und in der Nacht das Innenleben preisgeben, ist auf Grund der hochkarätigen Ausstellungen zum Publikumsmagnat für kunstbegeisterte Menschen aus Nah und Fern geworden. Neben dem Spiel auf dem See finden Freunde der Operette und des Musicals im akustisch weithin gerühmten Festspielhaus neben einem großangelegten Parkplatz eine Bühne, welche die Stadt über ihre Grenzen hinaus bekannt gemacht hat.  Wer bis dahin bekennen musste,  nichts von der Existenz der Landeshauptstadt von Vorarlberg gewusst zu haben, wurde von niemand Geringerem als 007 aufgeklärt. Als die Wahl einer der vielen Städte, die er im Dienste seiner Majästät bereisen muss, um noch einmal die Welt zu retten, auf die Lokäisch’n der Seebühne und somit auch auf  meine Vaterstadt fiel, war sie im Ausnahmezustand, d.h. vollends usm Hüsle, um es in meiner Muttersprache zu sagen,  und fand mehr als „Ein Quantum Trost“ in den vielen Vermarktungsmöglichkeiten, die sich daraus ergaben:  „Rund 50 Geschäfte boten „007 Prozent Rabatt“ beim Shoppen an, Schuhmacher warben für die weichen Treter des Bondhelden Daniel Craig, und die Bäckerei Schähle hatte „JB“ und „007“-Brezeln im Angebot“, schrieb der Spiegel Online vom 10.5.2008.  Dies wurde auch durch einen Freund bestätigt, der den Hype damals überlebt hat.

An Baujwelen aus der Zeit des Barock, mit denen andere Uferstädte des Bodensees geschmückt wurden, wird man – abgesehen vom Martinsturm, der einmal als Kornspeicher gedient hat und die größte Zwiebelkuppel Europas aufweist -, in Bregenz wenig finden.

Die Kirche des Mehrerauer Klosters fiel 1806 politischen Wirren zum Opfer.  Sie wurde versteigert und Dr.Anton Schneider, ein Bregenzer Andreas Hofer, der die Aufständischen gegen die Bayern und Franzosen angeführt hat, aber sich nicht aufhängen hat lassen, ließ sie bis auf die Grundmauern abtragen. Mit ihren Sandsteinquadern wurde der Hafen in Lindau ausgebaut.
Machen wir uns auf den Weg in die Oberstadt, dem mittelalterlichen Zentrum von Bregenz. Vom Turmstüberl des Martinsturmes aus, das ein heeresgeschichtliches Museum beherbergt, in welchem vor allem Uniformen und Stahlhelme und Waffen aus der NS-Zeit wie Reliquien ausgestellt sind,  hat man einen herrlichen Blick über die Stadt und den See.

Das Deuring Schlössle gleich in der Nähe  ist noch nicht abgerissen worden.  Das über  einem Felsabhang gebaute Gebäude und seine Umgebung haben den britischen Maler William Turner zu einigen seiner 20.000 Gemälde, vornehmlich Aquarelle,  inspiriert.

Wer einen Streifzug durch die Oberstadt macht, findet den Ehregutaplatz. Er  erinnert an ein Bettelweib, das so patriotisch gesinnt war, dass es die Grafen von Montfort und Bayern vor einem Überfall der Appenzeller gewarnt hat. „Wenn des Lueder it gsi wä, wäre mer scho lang Schwitzer“, soll ein Bregenzer nach dem Anschluss 1938 gemeint haben. Die Erste Republik war noch in den Windeln, haben  die Gsiberger versucht, sich nach dem Zusammenbruch der Habsburger -Monarchie von Restösterreich via Volksabstimmung loszusagen. Das geschah noch vor dem Bau des Arlberger Straßentunnels, der schon aus religiösen Motiven nicht wirklich begrüßt wurde, weil, wie es damals hieß: „Der Mensch nicht verbinden soll, was Gott getrennt hat.“ Vorarlberg meint „vor dem Arlberg“. Das muss immer wieder betont werden, da legasthenische Zeitgenossen oder begeisterte Radfahrer oft die Buchstaben verwechseln und  von Voradlberg sprechen. Das nur am Rande.

90% hatten sich übrigens 1919 für den Anschluss an die Schweiz entschieden. Die Schweiz wollte sich Vorarlberg nicht  aufhalsen, um  „das sorgsam austarierte Verhältnis zwischen Sprachen und Religionen in der Schweiz nicht durch einen zusätzlichen „Kanton Übrig“, wie ihn die Nachbarn damals liebevoll nannten,  mit deutschsprachigen Katholiken ins Ungleichgewicht zu bringen“. So zumindest ist es  in Wikipedia nachzulesen. Noch heute kann es einem nach Restösterreich ausgewanderten Gsiberger aber passieren, dass ihm dieses Abstimmungsverhalten von damals  vorgehalten wird. Mit unverhohlenem Neid aber wird anerkannt, dass dieses zweitkleinste Bundesland ein nominelles Wirtschaftswachstum verzeichnet, das noch 2005 weit über dem österreichischen Gesamtdurchschnitt lag. Heute ist es allerdings gleich nach Wien Spitzenreiter in der Arbeitslosenstatistik.

Bevor ich mich aber in Daten und Zahlen verliere, möchte ich meinen Rundgang fortsetzen.  Schon aus weiter Ferne sichtbar  das Kloster der katholischen Ordensgemeinschaft Sacre Coeur, das auf den Grundfesten der 1407 von den Appenzellern zerstörten Burg Niedegge errichtet worden ist und nach seinem Wiederaufbau etliche Jahrhunderte später als Erziehungsinstitut für die Töchter der vornehmen Stände diente.  Wenn es in meiner Erinnerung einen Ort mit düsterer Magie gibt, dann ist es für mich dieser. Bevor ich mich aber anschicke, den Deckel meiner Mottenkiste aufzuheben, in der sich die Erinnerungen an den katholischen Kindergarten dort verbergen, und ich Mutter Lena und andere Ordensschwestern, unsere Peiniger von damals – wieder auferstehen lasse, begebe ich mich vorerst lieber auf den Gebhardsberg , von dem aus man bei schönem Wetter weit in das Rheintal und über den See schauen kann.

Dort stehen noch die Burgruinen der Festung Hohenbregenz, die in 1647, also in den letzten Jahren des 30 jährigen Krieges von den Schweden gesprengt worden ist. Weiter allerdings kamen sie nicht. Sie sollen von den wehrhaften Bäuerinnen des Bregenzerwaldes mit Sensen in die Flucht geschlagen worden sein.  Von hier ist es nicht mehr weit  zum Känzeleweg, der nur durch ein Drahtseil gesichert an den Sandstein- und Flüschfelsen entlang führt und zum Selbstmord veranlagte Menschen geradezu herausfordert, den tödlichen Sprung in die Tiefe zu wagen.

Mit einem Blick kann ich von hier aus das Revier abstecken, das ich als Kind und Jugendlicher damals markiert habe.  Morgen, wenn das Wetter schöner ist und der Himmel vielleicht blau, will ich dich an die Bregenzer Ach mitnehmen und dann das Kloster Rieden umkreisend den Weg gehen, den wir bei jedem Wetter als Kinder gegangen sind; mein Bruder etliche Schritte hinter mir, weil ich aus Angst vor dem Kindergarten schon wieder in die Hose geschissen hatte.

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