
Pass auf, dass du nicht erschossen wirst, hat meine Mutter gemeint, als ich mich auf den Weg nach Sarajewo gemacht habe und mich von ihr telefonisch verabschiedete. Gut: Meine Mutter ist 92 und mehr in der Vorvergangenheit daheim als im Jetzt und Hier.Zwischen zwei Weltkriege geboren, wird sie den Auslöser für den ersten noch in guter Erinnerung haben. Möglicherweise aber war sie in der Zeit zuhause, als Heckenschützen und die serbische Armee, das in einem Talkessel liegende Sarajewo in Geiselhaft genommen hatten. Das ist keine 22 Jahre her, aber die Wunden dieses Krieges, der je nach Standpunkt - wie ich hörte - in den Schulen entweder als Bürgerkrieg oder als serbische Agression vermittelt wird, sind noch lange nicht verheilt. Der Taxifahrer jedenfalls, der mich in die Stadt brachte, musste hellauf lachen, als ich ihm von der Warnung meiner alt gewordenen Mutter erzählte, und machte sich einen Spaß daraus, mich augenzwinkernd alle Augenblicke zu fragen, ob ich Schüsse gehört hätte; dann aber - ernst werdend meinte: Deine Mutter hat schon recht. Sie weiß eben, weil sie schon so alt ist, dass wir hier auf dem Balkan auf dünnem Eis tanzen. Es gäbe viele kleine Feuer und noch immer wird fleißig gezündelt, schloss er, um schmunzelnd nachzusetzen: Aber von Sarajewo aus wird sicherlich kein Dritter Weltkrieg ausgehen.