Shut up!, I said. Auch wenn es nur eine Sprechblase gewesen war, die eben mit lauter tief im Rachen gebildeten Rchrrrrrrr’s implodierte, er hatte verstanden. Es war unmissverständlich. Die Uniform mit dem breiten Gürtel, dem Pistolenhalfter und den Schweißflecken unter den Achselhöhlen hätte auch gar keinen Laut von sich geben müssen. Die Berufsbekleidung allein hatte genügt bei ihm Schuldgefühle auszulösen und wer sich schuldig fühlt, benimmt sich auch so, als sei er auf frischer Tat ertappt worden. Dass er etwas Strafwürdiges begangen haben muss, war zwar nicht zwingend, manchmal aber können sogar aus Routinekontrollen Straftaten entstehen, die zu verhindern die Staatsmacht ausgerückt war. Was habe ich getan?, fragte er … , wie kann ich sie davon zu überzeugen, dass ich ein harmloser Tourist bin, der nichts anderes will, als …, mittlerweile war der Blickkontakt mit dem Taser abgerissen, der auf einen Punkt zwischen seinen Augen gerichtet war … , weiter fahren zu dürfen. Mitten in seiner Rede aber, – I am a tourist coming from Austria - , die immer absurder wurde und Gefahr lief, sich in einem sinnlosen Staccato von Worten und deren mantraartigen Wiederholung in einer Endlosschleife zu verlieren – I am a tourist coming from Austria -, wurde er mit einem „shut up“ kalt gestellt, das sich wie das metallische Klicken beim Entsichern einer Glock 21 anhörte. Er hielt den Atem an. Jetzt ist es um mich geschehen, dachte er. Er schloss die Augen. Er schwieg. Er war bereit. Er hatte es ja zigtausendfach gesehen und kannte den Ablauf, als wäre er selbst dabei gewesen. Jetzt war er dabei. Live. Wie ein Käfer kam er sich vor, der mitten im Flug gegen eine Glastür oder ein Fenster geflogen war und jetzt mit dem Rücken auf dem Beton zum Liegen kam. „Down to the shoulder!“

Da sich Radiopoly derzeit  mit Genderproblematik (Bin auch Mensch!) der dritten Generation und in Folge dessen mit Migration beschäftigt, haben wir einen zu diesem Thema abgefassten Text von Maria Bender Lu Sponheimer adaptiert und in drei Sprachen übersetzt. Wie geht es zB. türkischstämmigen ÖsterreicherInnen, wenn unsere Mannschaft vielleicht mit einem Ümit Korkmaz gegen die Türkei antritt? Wie geht es Ümit selbst? Wie fühlt sich das an zwei Heimaten zu haben? Der Text unternimmt einen Versuch, sich dieser Gefühlslage anzunähern. Übrigens werden die bei Radiopoly entstandenen Radiosendungen mittlerweile jeden Montag um 19 Uhr auf Orange94.0 on air gebracht und auf schuelerradio.at online gestellt. Dort kann derzeit auch die letzte Sendung angehört werden, mit der meine Radiogruppe den Moment Leben Preis heute gewonnen hat.

Ich bin ein Baum mit zwei Stämmen

Mein Sitznachbar beim Flug von Zagreb nach Skopje ist ein mazedonischer Gynäkologe. Falsch: Er war Mazedonier, hat aber vor Jahren die bulgarische Staatsbürgerschaft angenommen, um bei der Ausstellung eines Ausreisevisas den bürokratischen Hürden zu entkommen. Ich packe die Gelegenheit beim Schopf, mich so umfassend wie nur möglich aus berufenem Mund über die Verfasstheit des Landes zu informieren, um für die kommende Woche wenigstens mit so viel Kenntnis ausgestattet zu sein, dass nicht der Eindruck entsteht, ich hätte mich vielleicht aus Versehen in ein anderes Land verirrt. Ich wurde nämlich eingeladen, auf der albanischen Universität in Tetovo einen Radioworkshop mit Germanistik-Studenten zu leiten. [slideshow] Der Gynäkologe, der durch seine Reisen zu Ärztekongressen durchaus Vergleiche mit anderen Ländern ziehen kann, spricht von Mazedonien mehr von einer Region als einem Land, das durch seine Handelsstraßen schon vor über 2000 Jahren ein Brückenkopf zwischen Orient und Okzident war und wegen seiner geopolitischen Lage ein Zankapfel und Spielball machtpolitischer Interessen. 800 Jahre römische Herrschaft und 500 Jahre Teil des osmanischen Reiches haben ihre Spuren hinterlassen. Jahrzehntelang - und dann wieder nach dem Zerfall Tito-Jugoslawiens seine Identität suchend, wurde 1991 die Republik Makedonien aus der Taufe gehoben, die unter diesem Namen von den USA und 120 anderen Ländern anerkannt wird, so aber nicht von der EU. Der Namensgebung wegen mit seinem griechischen Nachbarn im Streit, sind EU- und NATO-Beitritt auf Eis gelegt: ein Streit, meint mein Sitznachbar, der, wie er weiter ausführt, wie auch die verfehlte Minderheiten- und Arbeitsmarktpolitik die Perspektivelosigkeit der Jugend festschreibt und zur Folge habe, dass viele, nicht nur gut ausgebildete Intellektuelle das Land verlassen, um im Ausland ihr Glück zu versuchen.  Auch seinem Sohn habe er empfohlen, sein Studium in Deutschland oder Amerika abzuschließen. In Makedonien habe er keine Chance auf einen seiner Ausbildung adäquaten Arbeitsplatz und wenn, dann unter Bedingungen, die jeder Beschreibung spotteten. Auch die schwelenden Konflikte zwischen Albanern und Mazedoniern, die jederzeit wieder in kriegerische Auseinandersetzungen münden könnten, wie schon einmal 2001, seien nicht dazu angetan,  seinen Kindern zu raten im Land zu bleiben.