[gallery ids="12527,12528" type="rectangular"] Er hieß Franz und er war einer von den ganz wenigen, die bis auf ein paar Jahre, in denen ich im Ausland war, ständig mit mir Kontakt gehalten hat. Die letzte Begegnung mit ihm war merkwürdig. Merkwürdig in des Wortes buchstäblichem Sinn. Gut. Kauzig war er schon immer gewesen und merk-würdig jede Zusammenkunft mit ihm schon damals. Ein Hagestolz war er, wie man früher gesagt hat; ein Eigenbrötler. Mir gefällt Hagestolz besser. Hag hat man früher zu den Höfen auf dem Land gesagt, die zu klein waren, um von ihnen leben zu können. Ich kenne den Hag als Einzäunung von privatem Grund. Und Franz hatte tatsächlich etwas um sich aufgebaut; keine Mauer, keinen Lattenrost, keinen Stacheldraht, nein: Alles das nicht. Es war durchlässiger, aber trotzdem eine wirksame Abwehr, ein Schutz gegen Zudringlichkeit. Und als zudringlich galten ihm alle, die seinen Hag nicht respektierten oder wahrnahmen. Und stolz war er auch. Nicht stolz auf sich und das, was er geleistet hat; stolz auf sein Anderssein, würde ich sagen. Ja, er war stolz auf sein Anderssein. Und er war wirklich anders, gewöhnungsbedürftig anders. Als ich - von den Treppen ziemlich erschöpft - keuchend vor seiner Wohnungstür in einem vierstöckigen Gemeindebau aus den 20iger Jahren stand, lud mich keine offenstehende Tür zum Eintreten ein, wie ich es gewohnt war, wenn ich ihn besucht habe. Nicht oft, aber sicherlich einmal im Monat. Das war vor meiner großen Reise, die mich – viel länger als ursprünglich geplant – auf einem anderen Kontinent festhielt, und als ich zurück kam, musste ich mich erst wieder neu einleben. Noch immer habe ich das Gefühl, mich im Transit aufzuhalten. Um anzuknüpfen an das, was war, bevor ich aufgebrochen bin, habe ich alle meine Freunde von damals aufgesucht und leider feststellen müssen, dass mir einige von ihnen fremd geworden sind. Oder ich ihnen. Aber das ist wohl der Preis, den man zahlt, wenn man länger fort bleibt. Da können schon manche Fäden plötzlich reißen, von denen man geglaubt hat, dass es Stricke seien. Franz würde nicht zu ihnen gehören. Franz kann mir nicht fremd werden, dachte ich. Er war es ja schon immer gewesen. Und es war gerade diese Fremdheit, die mich zu ihm hingezogen hatte. Das nahm ich an. Kurzum: Ich stand vor seiner Wohnungstür und musste noch einmal anläuten. Es hätte ja sein können, dass die Glocke unten nicht funktioniert, mit der ich meine Anwesenheit angekündigt habe. Aber es blieb still. Ich läutete wieder und wieder, weil wir verabredet waren, und ich nicht glauben konnte, dass er unsere Verabredung vergessen hat. Ich wollte schon gehen, als ich ihn über den Gang schlürfen hörte, er durch den Türspion spähte und mich durch die Tür hindurch fragte, wer ich sei. Wer ist er?, hat er gefragt. Was will er?  Er sprach mich in der dritten Person an, wie es noch meine Großmutter getan hat, eine Anrede aus der Zeit der höfischen Ständegesellschaft: Wie geht es ihm heute, hat sie mich jeden Morgen gefragt? Aber so aus der Zeit gefallen ist Franz nicht. Er ist mit mir gleich alt; und dass er jetzt so tut, als hätte er mich nicht erkannt, will ich als Scherz abtun, obwohl Franz zu solchen Späßen in der Vergangenheit kaum eine Neigung gezeigt hat. Er ist ein eher verschlossener Typ, misstrauisch und scheu; lebt sehr abgeschieden und allein in seiner kleinen Gemeindebau-wohnung, die schon seine Eltern bewohnt hatten.  Mensch, Franz, lass mich rein. Was soll der Quatsch?, sag ich also, weil mir das jetzt schon zu lange dauert. Er macht die Tür einen Spalt weit auf, sieht mich ohne ein Zeichen von Wiedersehensfreude an, dreht sich um und schlürft ins Wohnzimmer. Ich muss zugeben: Ich war gewarnt worden. Aber ich habe es einfach nicht glauben wollen. Was, du willst zum Kaiser? Nein, zum Franz, hab ich gesagt; und mein Freund, der ihn auch gut gekannt hat – um uns das Studium zu verdienen, sind wir in den Ferien immer nach Norwegen getrampt, um dort zu arbeiten -, hat gemeint: Der Franz heißt jetzt Kaiser. Kaiser Franz sagen wir jetzt zu ihm. Wirst selber sehen, warum. Was soll die Geheimniskrämerei?, hab ich gefragt. Kaiser Franz. Wie hat er sich diesen Spitznamen verdient? Wohnt er im Schloss Schönbrunn oder hat er ein Zimmer in der Hofburg oder was?

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