P1130211Ich starre auf den flackernden Monitor eines Rechners. Ohne dass ich eine Maus betätige oder einen Sprachbefehl eingebe, poppt ein Fenster auf. Es ist ein Textprogramm mit einem noch unbenannten Dokument. Der Cursor sitzt im linken Eck des Fensters und wartet auf eine Eingabe. Ich bin viel zu überrascht, um jetzt ans Schreiben zu denken. Außerdem wüsste ich weder was, noch wem; zwei unabdingbare Voraussetzungen für einen Schreibanlass. Es gibt ihn nicht, und ich will ihn auch nicht herbei zwingen. Plötzlich aber bewegen sich die Tasten des Keyboards wie von Geisterhand mit dem üblichen Begleitgeräusch. Es hört sich an wie das Klackern von hohen Absätzen auf Katzenkopfpflaster, aber es sind eindeutig Tastaturgeräusche. Und nicht nur das. Sie zaubern in einem aufreizenden Staccato-Rhythmus Buchstaben in das leere Textfeld, die sich zu Wörtern ordnen, dann zu Sätzen, die bei mir, der ich fassungslos auf den Monitor starre, ziemliches Entsetzen auslösen; das nicht nur, weil mein Computer ferngesteuert, sondern – wie ich eben lese – behauptet wird, dass über eine bestimmte Region in meinem Hirn die Kontrolle übernommen worden sei:

[gallery type="slideshow" ids="9263,9261,9260,9262"] Das Buch lag in seiner Mitte aufgeschlagen auf der Bettdecke. Eben hatte sie gelesen: Nicht einmal dazu, aus dem Haus zu gehen, kann ich mich aufraffen. Ich bleibe im Bett. Wozu noch aufstehen? Zu allem zu müde, zum Schlafen zu wach. Der schwarze Hund hat mich zu seinem Herrn gemacht. Ich habe ihn nicht gerufen. Er hat mich meilenweit gerochen und sich mir unterworfen. Aber es ist umgekehrt. Ich bin seine Magd, sein Knochen. Es war ein Roman, der von einer Frau handelte, die sie selbst hätte sein können; ebenso verschlungen waren die Wege, die sie durch ihr Leben gegangen war bis zu der Zeit jetzt, wo sie im Bett lag, nicht krank, aber müde, …zu allem zu müde, zum Schlafen zu wach… ; als hätte die Ich-Erzählerin ihr Schicksal beschrieben, nein schlimmer noch, viel schlimmer, ja fast schon unheimlich:  als hätte sie dem Autor die Geschichte ihres Lebens gleichsam in die Feder diktiert. Sogar der Name, den er dieser Frau gegeben hat, stimmte mit ihrem überein. Eleonore. Das bin ich. Mein Leben: Ein offenes Buch? ottomane1Das kann nicht sein! Es war ein Erbstück ihrer Tante, das einzige, was nach ihrem Tod auf sie gekommen war, und sie hatte das Buch, ohne je einen Blick hineingeworfen zu haben, nur aufgehoben, weil es ledergebunden und eine Erinnerung an sie war; vielleicht sogar – den vergilbten Blättern nach zu schließen – eine antiquarische Rarität. Warum ihre Tante, die sich ihren Lebensunterhalt mit Illustrationen von Märchen- und Sagenbüchern verdient hatte, sie als einzig in Frage kommende Erbin testamentarisch leer ausgehen hat lassen, war ihr ein Rätsel geblieben. Eleonore konnte sich nicht erinnern, ihr dafür einen triftigen Grund gegeben zu haben. Was sollte sie mit einem Buch anfangen, das den langweiligen und keinesfalls spannende Lektüre versprechenden Titel „Die Ottomane“ trug. Originell nur fand sie, dass die Buchstaben des Titels mit Leder unterfüttert und erhaben waren, sodass man mit den Fingern darüberfahren konnte wie über eine Narbe nach einer tiefen Fleischwunde. Auch wenn sie abgesichert war und sich derzeit wenigstens keine finanziellen Sorgen machen musste, hätten ihr die Druckbögen der Tuschzeichnungen und Aquarelle wohl gefallen; diese aber waren von ihr der kleinen Stadt vermacht worden, in der sie die letzten Jahre vor ihrem Tod verbracht hatte; sie erzielten mittlerweile, wie ihr zu Ohren kam, auf Ausstellungen und Auktionen ihrer Kunstfertigkeit wegen hohe Preise. Es war nur wenige Stunden her, da hatte sie – einer seltsamen Laune folgend – das Buch aus dem Regal genommen. Im Stehen noch hatte sie den die Geschichte gleichsam als Überschrift einleitenden Aphorismus von Samuel Coleridge gelesen, für den Phantasie nichts anderes war als eine von der Ordnung aus Zeit und Raum losgelöste Form des Gedächtnisses. Er stellte ihr die Frage: Was, wenn du schliefest? Und was, wenn du, in deinem Schlafe, träumtest? Und was, wenn du in deinem Traume, das Paradies durchwandertest und dort eine seltsame und wunderschöne Blume pflücktest? Und was, wenn du, nachdem du erwachtest, die Blume in deiner Hand hieltest? Ah, was dann? Sie ließ die Zeilen kurz auf sich wirken. Für sie war die Frage schnell beantwortet; es würde die ihr bekannte Welt aus den Angeln heben. Ohne sich länger mit den Konsequenzen zu beschäftigen, hatte sie sich auf das Sofa gelegt, und sofort die nächste Seite aufgeschlagen, als sie erschrocken das Buch zuklappte. Das konnte nicht sein. Das gibt es nicht. Ich träume. Es kann nur ein Traum sein, dachte sie. Konnte es möglich sein, dass ich ein Bild gesehen habe, das genau den Raum zeigt, in welchem ich mich schon als Kind aufgehalten hatte, weil ich seit meiner Geburt Sonnenlicht vermeiden musste?