img_6364Ich lernte ihn im Zug nach Benares kennen. Sleeper car. Von wegen Schlaf. Zuerst den reservierten Liegeplatz verteidigen, den vier Inder mit mir zu teilen beabsichtigen, dann die Hitze, gegen die auch die Ventilatoren nichts ausrichten, deren monotones Surren mir aber immerhin einen schlafähnlichen Zustand bescheren. Nicht lange, denn sturmartige Böen peitschen den Monsunregen durch die nicht schließbaren Fenster. Ich kann gerade noch verhindern, dass sich mein Rucksack, den ich unter den Sitzen verstaut habe, mit Wasser aus den Pfützen vollsaugt, die sich am Boden gebildet haben. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Wenigstens ist es nicht mehr so schwül. Zehn Stunden Zugfahrt trennen mich noch von Varanasi, dem ehemaligen Benares, wie es die Engländer tauften, meinem letzten Reiseziel. Ich suche den Baedeker in meinem Rucksack und beginne im fahlen Licht der Deckenlampe zu lesen: "... Varanasi ist eine der ältesten Städte der Welt. Mark Twain, der im späten 19. Jahrhundert die Stadt bereiste, schrieb: ‚Benares ist älter als Geschichte, älter als Tradition und älter als alle Legenden.’ Die Einheimischen nennen sie Kashi, Stadt des sprituellen Lichts. Für die Hindus spielt sie eine ähnliche Rolle wie Mekka für die Muslime. Nach hinduistischem Glauben gilt es als besonders verdienstvoll, wenigstens einmal im Leben dort gewesen zu sein, um sich im Ganges von den Sünden reinzuwaschen. Wer das große Glück hat, am Gangesufer zu sterben, dem gilt Erlösung als sicher" Schon die Griechen - denke ich mir - die Augen schließend – gingen davon aus, dass der Eintritt ins Totenreich über einen Fluss führt. Mich haben die Fragen, welche Erwartungen die Menschen haben und welche Erfahrungen sie angesichts des Todes machen, aber auch die Mythen und Märchen, die von den Prüfungen berichten, die im Jenseits auf uns warten, immer schon interessiert. Alle Religionen kreisen um diese Frage. Ich bin also im richtigen Land und auf dem Weg in die richtige Stadt, wenn ich Antworten suche. Der Sadhu war noch jung. Sein Kopf war kahlgeschoren wie bei den buddhistischen Mönchen, doch übte dieser sich ganz gegen deren Glauben in einer Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst, die wir im Westen als Selbstmord abtun würden. Aber es war kein Selbstmord. Einer, der sein Ich abgetötet hat, kann sein Selbst nicht mehr morden. Was aber war es dann? In der oberen Schlafkoje dem Fenster gegenüber sitzt mit untergeschlagenen Beinen ein Mann und lächelt mich an. Nichts Ungewöhnliches in Indien. In Europa, denke ich mir, würde man jeden für verschroben oder gar verrückt halten. Ich biete ihm einen Schluck aus meiner Mineralflasche an. Er lehnt dankend ab. Wir kommen schnell ins Gespräch. Es ist nicht das Übliche Woherkommstdu-, Wieheißtdu- und wie Gefälltdirindien-Gespräch. Er ist der erste, der mir all diese Fragen nicht stellt, sondern mich nach meinen Beobachtungen ausforscht, die mich noch immer so verwirren. Er spricht ein perfektes Englisch, zitiert die Upanishaden und amüsiert sich über meine Bemühungen, seine Sicht der Welt und ihrer Vielfalt zu verstehen, in die ich mit allen meinen Sinnen einzutauchen versuche. Freimütig erklärt er mir, dass er ein Shiva-Anhänger und Sadhu sei und auf der Universität von Varanasi Sanskrit unterrichte.

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