howardNach einer Vorstandssitzung befahl Howard Hyprint alle Ressortleiter in sein Büro. Eine neue einzigartige Strategie sollte dafür sorgen, dass die weit über die Grenzen des Landes hinaus vor allem für seine Hintergrundrecherchen bekannte Zeitung auch online ohne Konkurrenz blieb. Längst schon hatte die Nachricht das Ereignis eingeholt. Während es noch vor wenigen Jahren immerhin eines 12 stündigen Rhythmus bedurfte, dass, was in Radio und TV schon gesendet war, auch in den Printmedien seinen Niederschlag fand, konnte die Presse online wenigstens mit diesen Medien zeitlich und jetzt schon im Zweistundenrhythmus nicht nur gleich-, sondern an ihnen vorbeiziehen. So haben wir auch durch eingebettete Audio- und Videobeiträge erhebliche Marktanteile in diesem Dienstleistungssegment gesichert, die es auszubauen gilt. Die Konkurrenz schläft nicht, wie sie wissen, meine Dame und Herren. Während seiner kurzen Ansprache fixierte er die einzige Frau im Raum. Er war kein Freund der Quote. Ein Macho, wie er im Buche stand, aber auch ein Macher, wenn Macho davon abgeleitet sein sollte. Nicht umsonst hatte ihn der Vorstand der mittlerweile börsennotierten Zeitung an die Spitze des Unternehmens gesetzt. Howard Hyprint hatte es schon vom Start weg verstanden sich durch immer neue, - für die Zeitung durchaus gewinnträchtige Innovationen -, bei seinen Vorgesetzten unentbehrlich zu machen, die seine Vorschläge gerne als die ihren ausgegeben hätten, wäre er nicht so schlau gewesen, diese über einen internen Nachrichtenticker publik zu machen. Er war es, der ein anderes größeres Format durch setzte, das wiederum die Anzeigeneinnahmen durch Gewerbetreibende zumindest nicht sinken ließ, wie es mit den Auflagen auch bei der Konkurrenz schon lange der Fall war.  Während diese nach öffentlichen Subventionen für die Zeitungen verlangte und es damit begründen wollte, einen Auftrag der Gesellschaft zu erfüllen, wollte er, dass sie abgeschafft werden, um nicht durch ökonomische Abhängigkeiten  in Korruptionsverdacht zu geraten. So brachte er sich in Stellung und war bald nicht mehr zu übersehen, bis er sein Ziel erreicht hatte und Chef der größten Zeitung des Landes geworden war. Ein steiler Aufstieg für einen, der das Studium seiner Herkunftssprache aufgegeben und als Laufbursche angefangen hatte. Mittlerweile versuchten die Ressortchefs ihm, die einst sein Vorpreschen mit immer neuen Vorschlägen nicht unbedingt geschätzt hatten, Befehle, bevor er sie noch gedanklich formuliert hatte, in vorauseilendem Gehorsam von den Lippen zu lesen.  Was er ihnen aber jetzt auftrug, nämlich Fakten durch Fiktion zu schaffen, um seinen kurzen Vortrag auf den Punkt zu bringen, schien ihnen mit der Ethik ihres Berufes nicht vereinbar. Wir sind keine Werbetexter, hielt ihm einer entgegen. Wir sind Journalisten und der Wahrheit verpflichtet, begehrte ein anderer auf.  Zeitungen, sagte er - keinen Widerspruch mehr duldend -, teilen ja nicht nur etwas mit, weil es wichtig ist, sondern machen auch etwas wichtig, weil es mitgeteilt wird. Wer mit meinem Vorschlag nicht einverstanden ist, hebe die Hand! Weil alle instinktiv wussten, dass dieses Signal eine fristlose Entlassung zur Folge hätte, - blitzschnell ihr ganz und gar privates Soll und Haben bilanzierend – war jeder Widerstand gebrochen.

P1120462 (1425 x 802)Im Stadtpark Jugendliche. Sie sitzen auf beiden Seiten des Gehwegs und machen seinen Spaziergang zum Spießrutenlauf. Einer hat ein Handy und nimmt ihn auf. Unter ihren abschätzenden Blicken, die Böses ahnen lassen, und ihn wie Hiebe und Fußtritte treffen, geht er geradeaus und versucht, ihnen seine Angst nicht anmerken zu lassen. In der Tasche sein Tagebuch. Er stolpert über einen ausgestreckten Fuß, fällt hin. Das Tagebuch ist aus der Tasche gefallen und liegt nun  auf dem Boden – aufgeschlagen auf der Seite, auf der er seine letzte Eintragung mit einem nachfüllbaren Filzmarker in Linearschrift vorgenommen hat, Der einzigen Schriftart übrigens, mit der es bis zu ihrer drohenden Abschaffung möglich war, als Kind seinen Namen in den Schnee zu brunzen. Aber es lag kein Schnee, um tausend Jahre später den Beweis seiner Existenz noch einmal auf diese Art auszuführen. Das Terrain markierten die andern. Schon lange. Einer der Jugendlichen – vermutlich der Anführer – pflückt das Tagebuch vom Beton wie man es mit einer Blume tut, die man ihrer Auffälligkeit wegen vom Wegrand pflückt, um sie dann wieder achtlos wegzuwerfen. Er rappelt sich auf, stürzt auf ihn los, will ihm das Buch entreißen. Verständlich, denn es enthält Eintragungen, die nur solchen Büchern, niemals aber auch einem Menschen anvertraut oder zugemutet werden können. Der Bandenführer wirft es dem zu, der hinter ihm steht. Er dreht sich um, geht auf ihn los. Der schaut ihn an, sieht einen älteren Mann, der sein Vater oder sein Lehrer sein könnte, mit dem er noch was auszutragen hat, lacht und wirft es - ein vielflügeliges Wesen jetzt, das sich aber trotzdem der Schwerkraft nicht entziehen kann - über seinem Kopf dem nächsten zu, der mit den anderen einen Kreis gebildet hat, in dem er nun tanzt. Ein Tanz, dessen Choreografie wirkt, als wäre er einstudiert, bis ihn ein Schlag trifft, der ihm fast das Bewusstsein raubt. Er hört, wie sein Kopf aufklatscht wie ein mit Wasser gefüllter Tonkrug. Er hört, wie sie einander laut die Einträge mit Angabe des Datums vorlesen: „29. 2. Gehen. Im Gehen die Stunden abklopfen wie Schuhe auf einer Schwelle", liest er. Ein Dichter, sagt einer. Ein Trottel, ein anderer. Sie lachen. „2.3.Scharren im Startloch, das zerrissene Zielband vor Augen." Der übt für den Marathon, sagt nun der Dritte. Sie wollen sich  tot lachen, jetzt aber verstummen sie, weil eine Eintragung genau von dem handelt, was in diesem Augenblick passiert. Sogar die Namen stimmen mit den ihren überein. „4.5.: Drei Jugendliche: Martin, Manfred und Boris, die sich als Mambo-Gang einen Namen gemacht haben und ihre happy-slappings auf Youtube hochladen, halten mich auf, bemächtigen sich meiner Tasche, in welcher sie unter anderem mein Tagebuch finden. Das wird lustig, denken sie…“  Martin, der Vorleser, bricht mitten im Satz ab und lässt das Tagebuch auf den Boden fallen. Sie schauen sich an. Ihre Gesichter zeigen Entsetzen. Jetzt sind sie es, die es wie ein Fausthieb trifft. Auf alles, selbst auf Gegenwehr, waren sie vorbereitet, nur darauf nicht, dass sie jetzt lesen, was sie gerade tun, In welchen Film sind sie da geraten? Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Sie stürzen davon.

retro (960 x 540)Es war zur Zeit der Zwetschkenwacht, als wir geheiratet haben. Ja, schreib es ruhig auf, aber es ist keine lustige, keine schöne, aber eine wahre Geschichte. Du weißt nicht, was eine Zwetschkenwacht ist? Hätt‘  ich mir denken können. Warst ja noch nicht auf der Welt und hast den Krieg nicht miterlebt, sonst würdest du mit Lebensmitteln ganz anders umgehen. Hast mir schon wieder meinen  Kühlschrank ausg‘räumt. Ich schau nicht aufs Ablaufdatum. Entweder es ist noch gut, oder es riecht schon. Oder man sieht es. Meine Augen sind noch gut, und riechen oder schmecken, ob etwas faul oder nicht mehr zum Essen ist, das kann ich noch. Nur hören tu ich halt schlecht. In meinem Alter muss ich nicht mehr alles mitkriegen. Ist doch so, oder? Wo waren wir stehen geblieben? Bei der Zwetschkenwacht. Richtig. Damals haben sich die Leute viel von dem ernährt, was ihr kleiner Garten hergegeben hat. Und wer keinen Garten gehabt hat, der hat’s eben kaufen oder stehlen müssen. Die Leute waren ja arm, viele ausgebombt, hatten nichts mehr. Weil es keine Zigaretten gegeben hat oder sie zu teuer waren, - man hat sie damals ja sogar einzeln kaufen können – hat man sich aus weggeworfenen Stummeln selber welche zusammengedreht,  oder man hat  - wie mein Vater – Tabak angebaut im Garten, und wenn’s zur Ernte gekommen ist, hat er die Tabakblätter auf die Wäscheleine zum Trocknen aufgehängt. Das hat meiner Mutter gar nicht gefallen. Das kannst du mir glauben. Außerdem hat der Tabak fürchterlich gestunken. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, sagt man doch so, oder? Aber ich wollte ja ganz was anderes erzählen. Was war das schnell? Ach ja, die Zwetschkenwacht.

Eine Reise in fotografischen Notizen 1         Die junge Zugbegleiterin in der Uniform der österreichischen Bundesbahnen, welche die Fahrgäste begrüßt und sich Mühe gibt, vom jovial auftretenden älteren Kollegen ernst genommen zu werden… 2         Der männliche Zugbegleiter, der so tut, als würde er es bedauern, dass vom Unternehmen nicht mehr Schlaf- und Liegewagenplätze bereit gestellt wurden, sagt, während er in seinen Listen blättert: Ich kann nichts versprechen, aber vielleicht in Udine, wenn die ausbleiben, die einen Platz im Liegewagen gebucht haben.  Aber – wie gesagt: Ich kann’s nicht versprechen… 3         Der reservierte Sitzplatz 106 im Waggon 405, der ein Fensterplatz ist… 4         Der auf einen Platz im Liegewagen hoffende Fahrgast, der die 6 Sitzgelegenheiten mit einer vierköpfigen chinesischen Familie teilt, die begonnen hat, sich auf die Nacht und die lange Fahrt vorzubereiten… 5         Der noch freie Sitzplatz, der dem chinesischen Vater als Fußstütze dient. 6         Alle Insassen, auch das vier- oder fünfjährige Kind, die mit Smartphones, Tablets und Notebooks beschäftigt sind. 7         Dem nichtchinesischen Fahrgast – von allen Seiten eingekeilt –, dem  die Mutter gegenüber sitzt, die sich - ebenso zugestöpselt wie die anderen - ein chinesisches Movie anschaut. 8         Ein indischer Jugendlicher, der  verzweifelt Einlass begehrt und in englischer Sprache auf den noch nicht reservierten Sitz hinweist, dem die Insassen des Abteils mit Blicken begegnen, die signalisieren sollen, dass sie ihn und sein Begehr nicht verstehen. 9         Der indische Jugendlich, der mit seiner Schwester zurück kommt, die es noch einmal versucht und erst aufgibt, nachdem die Fahrgäste ihre Tickets gezeigt haben. 10     Der nichtchinesische Fahrgast, der sich in ein Buch vertieft, das den Titel „Die Liebe und ihr Henker“ trägt.