[vc_row css_animation="" row_type="row" use_row_as_full_screen_section="no" type="full_width" angled_section="no" text_align="left" background_image_as_pattern="without_pattern"][vc_column][vc_column_text]Eben bei Walter Benjamin gelesen: "Vielleicht ist, was Vergessenes so beschwert und trächtig macht, nichts anderes als die...

horarioHeute Tag wie jeder Die schönsten Geschichten schreibt das Leben, hört man, doch die unvergesslichsten der Tod, den es mit ihnen aufzuschieben gilt in tausendundein Nächten. Wozu sonst werden sie erzählt? „Heute Tag wie jeder!“ Mit diesen Überschriften beginnen alle Tagebucheintragungen von Gustav B, dessen Aufzeichnungen spärlicher werden in seinen letzten Jahren und manchmal nur aus einzelnen Sätzen bestehen, einer Anhäufung von Banalitäten neben angedeuteten Geschichten, steinbruch-artigen Rohentwürfen für einen Roman, Aufzeichnungen aus seinem Alltag, die mir als seinem Freund anvertraut worden waren, nachdem ihn ein plötzlicher Tod, dessen Ursache bis heute im Dunkeln bleibt, von unserer Seite gerissen hatte. „Alle Eintragungen bis auf einen, seinen vorletzten, sind so eingeleitet: Heute Tag wie jeder.“, sagt seine hochbetagte Mutter und händigt mir das Tagebuch aus, wobei sie mit einer beiläufigen, aber ungemein zärtlichen Geste den Einband streichelt – fast so, als wäre es der Kopf ihres Sohnes, als er noch ein Kind war. „Sie sind einer seiner besten Freunde. Sie kennen ihn gut. Ich glaube, ich handle in seinem Sinne, wenn ich ihnen sein Tagebuch gebe. Vielleicht finden sie einen versteckten Hinweis darauf, wer dieses tödliche Spiel mit ihm gespielt hat,“ hat sie gesagt, worauf sie meine linke Hand zwischen ihre feingliedrigen Hände nahm– als wär’s ein krankes Vögelchen -, und mir dabei fragend aber gleichzeitig auch hilfesuchend in die Augen schaute: „Sie teilen doch hoffentlich nicht die Ansicht der Polizei? Mein Sohn ist kein Selbstmörder.“  War, wollte ich sagen. Ließ es aber. Die Beharrlichkeit, mit der sie in der Gegenwart blieb, um ihren Sohn am Leben zu erhalten, schockierte mich ebenso,  wie ich es rührend fand. Froh, der dunklen und ziemlich verwahrlosten Wohnung seiner Mutter entkommen zu sein, sitze ich nun in einem Vorstadtlokal und blättere bei einem Glas sauer schmeckendem Schankwein in seinem Tagebuch: Keine Offenbarung, wie ich schnell und zu meinem Bedauern feststellen muss. Ein Durcheinander von Notizen, plan- und schnörkellos. Aber es ist mir ja nicht anvertraut worden, um es auf seine literarische Qualität zu prüfen, obwohl sich mein Freund zeitlebens als Schriftsteller verstanden hatte, ohne je etwas veröffentlicht zu haben. Ich muss allerdings zugeben, dass mich manche Stellen in dem nun vor mir liegenden Tagebuch, aus dem ich schon zitiert habe, auf eine seltsame Weise ansprechen. Es ist ein mir unbekanntes Ich meines Freundes, das da zu mir spricht. Ich kannte ihn doch als einen lebensfrohen und lebensbejahenden Menschen. Ich zitiere ein paar Passagen der letzten von ihm in gut lesbarer Schrift verfassten Seiten, die dem Leser meine Irritation vielleicht begreiflich machen: