P1120462 (1425 x 802)Im Stadtpark Jugendliche. Sie sitzen auf beiden Seiten des Gehwegs und machen seinen Spaziergang zum Spießrutenlauf. Einer hat ein Handy und nimmt ihn auf. Unter ihren abschätzenden Blicken, die Böses ahnen lassen, und ihn wie Hiebe und Fußtritte treffen, geht er geradeaus und versucht, ihnen seine Angst nicht anmerken zu lassen. In der Tasche sein Tagebuch. Er stolpert über einen ausgestreckten Fuß, fällt hin. Das Tagebuch ist aus der Tasche gefallen und liegt nun  auf dem Boden – aufgeschlagen auf der Seite, auf der er seine letzte Eintragung mit einem nachfüllbaren Filzmarker in Linearschrift vorgenommen hat, Der einzigen Schriftart übrigens, mit der es bis zu ihrer drohenden Abschaffung möglich war, als Kind seinen Namen in den Schnee zu brunzen. Aber es lag kein Schnee, um tausend Jahre später den Beweis seiner Existenz noch einmal auf diese Art auszuführen. Das Terrain markierten die andern. Schon lange. Einer der Jugendlichen – vermutlich der Anführer – pflückt das Tagebuch vom Beton wie man es mit einer Blume tut, die man ihrer Auffälligkeit wegen vom Wegrand pflückt, um sie dann wieder achtlos wegzuwerfen. Er rappelt sich auf, stürzt auf ihn los, will ihm das Buch entreißen. Verständlich, denn es enthält Eintragungen, die nur solchen Büchern, niemals aber auch einem Menschen anvertraut oder zugemutet werden können. Der Bandenführer wirft es dem zu, der hinter ihm steht. Er dreht sich um, geht auf ihn los. Der schaut ihn an, sieht einen älteren Mann, der sein Vater oder sein Lehrer sein könnte, mit dem er noch was auszutragen hat, lacht und wirft es - ein vielflügeliges Wesen jetzt, das sich aber trotzdem der Schwerkraft nicht entziehen kann - über seinem Kopf dem nächsten zu, der mit den anderen einen Kreis gebildet hat, in dem er nun tanzt. Ein Tanz, dessen Choreografie wirkt, als wäre er einstudiert, bis ihn ein Schlag trifft, der ihm fast das Bewusstsein raubt. Er hört, wie sein Kopf aufklatscht wie ein mit Wasser gefüllter Tonkrug. Er hört, wie sie einander laut die Einträge mit Angabe des Datums vorlesen: „29. 2. Gehen. Im Gehen die Stunden abklopfen wie Schuhe auf einer Schwelle", liest er. Ein Dichter, sagt einer. Ein Trottel, ein anderer. Sie lachen. „2.3.Scharren im Startloch, das zerrissene Zielband vor Augen." Der übt für den Marathon, sagt nun der Dritte. Sie wollen sich  tot lachen, jetzt aber verstummen sie, weil eine Eintragung genau von dem handelt, was in diesem Augenblick passiert. Sogar die Namen stimmen mit den ihren überein. „4.5.: Drei Jugendliche: Martin, Manfred und Boris, die sich als Mambo-Gang einen Namen gemacht haben und ihre happy-slappings auf Youtube hochladen, halten mich auf, bemächtigen sich meiner Tasche, in welcher sie unter anderem mein Tagebuch finden. Das wird lustig, denken sie…“  Martin, der Vorleser, bricht mitten im Satz ab und lässt das Tagebuch auf den Boden fallen. Sie schauen sich an. Ihre Gesichter zeigen Entsetzen. Jetzt sind sie es, die es wie ein Fausthieb trifft. Auf alles, selbst auf Gegenwehr, waren sie vorbereitet, nur darauf nicht, dass sie jetzt lesen, was sie gerade tun, In welchen Film sind sie da geraten? Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Sie stürzen davon.

retro (960 x 540)Es war zur Zeit der Zwetschkenwacht, als wir geheiratet haben. Ja, schreib es ruhig auf, aber es ist keine lustige, keine schöne, aber eine wahre Geschichte. Du weißt nicht, was eine Zwetschkenwacht ist? Hätt‘  ich mir denken können. Warst ja noch nicht auf der Welt und hast den Krieg nicht miterlebt, sonst würdest du mit Lebensmitteln ganz anders umgehen. Hast mir schon wieder meinen  Kühlschrank ausg‘räumt. Ich schau nicht aufs Ablaufdatum. Entweder es ist noch gut, oder es riecht schon. Oder man sieht es. Meine Augen sind noch gut, und riechen oder schmecken, ob etwas faul oder nicht mehr zum Essen ist, das kann ich noch. Nur hören tu ich halt schlecht. In meinem Alter muss ich nicht mehr alles mitkriegen. Ist doch so, oder? Wo waren wir stehen geblieben? Bei der Zwetschkenwacht. Richtig. Damals haben sich die Leute viel von dem ernährt, was ihr kleiner Garten hergegeben hat. Und wer keinen Garten gehabt hat, der hat’s eben kaufen oder stehlen müssen. Die Leute waren ja arm, viele ausgebombt, hatten nichts mehr. Weil es keine Zigaretten gegeben hat oder sie zu teuer waren, - man hat sie damals ja sogar einzeln kaufen können – hat man sich aus weggeworfenen Stummeln selber welche zusammengedreht,  oder man hat  - wie mein Vater – Tabak angebaut im Garten, und wenn’s zur Ernte gekommen ist, hat er die Tabakblätter auf die Wäscheleine zum Trocknen aufgehängt. Das hat meiner Mutter gar nicht gefallen. Das kannst du mir glauben. Außerdem hat der Tabak fürchterlich gestunken. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, sagt man doch so, oder? Aber ich wollte ja ganz was anderes erzählen. Was war das schnell? Ach ja, die Zwetschkenwacht.