Teil 1 Das virtuelle Reisen mit Mausklicks hat seine Tücken. Die Hyperlinks führen und verführen mich, da und dort zu verweilen, und in der Absicht, nur einen Schlenker zu machen, bin ich plötzlich in einem Irgend- oder Nirgendwo, und irre völlig plan- und orientierungslos durch das Netz, wie es Backpapers auch auf ihren Reisen tun.  Es ist ja auch reizvoll, einmal ohne Führer eine Gegend zu erkunden, und für die Zeit, die man für diese Umwege zugebracht hat, wird man mannigfaltig entschädigt. Die Wette aber, die ich mit mir selbst abgeschlossen habe, es Phileas Fogg in Jules Verne’s Roman "Le tour du monde en quatre-vingts jours" gleich zu tun, habe ich jetzt schon verloren. Kaum habe ich mit meiner Reise in Kambodscha begonnen, hatte ich im benachbarten Thailand schon sicher 30 Mal die Maus geklickt. Dabei warten noch 180 andere Länder darauf, auf diese Art und Weise bereist und erkundet zu werden. Bluthilde, das progressivste Blog im Netz, wie sein Untertitel unterstellt, brachte mich auf die Spur des Genossen Daniel Ortega, der dem – wie schon einmal zitiert – demokratisch vom Volk gewählten ArbeiterInnenpremier Thaksin aus Thailand einen Diplomatenpass ausgestellt hat... Wie wär’s also mit einem Schlenker in das Nicaragua Daniel Ortegas, der mittlerweile übrigens auch dem von allen Seiten bedrängten Gadaffi eine solidarische Grußbotschaft mit folgendem Inhalt zukommen ließ: "Nicaragua, meine Regierung, die Sandinistische Nationale Befreiungsfront und unser Volk begleiten Sie in diesen Schlachten und tragischen Momenten, in denen es um das Schicksal Afrikas, des Nahen Ostens und der Reichtümer der Menschheit geht.“  Ein Volk, ein Reich, ein Führer: So liest sich das. Zumindest für mich, der dort war, damals, als Ortega noch einer der Commandantes der sandinistischen Revolution war. Was ist aus diesem Nicaragua geworden?

Er hieß Schigu, eigentlich Zsigmond. Er hasste seinen Namen. Vor allem das eingedeutschte Sigismund. Wer ihn so nannte, war sein Feind. Und von denen gab es viele. Das Gymnasium, das wir besucht hatten, war ein Backsteinbau aus kleinen roten Ziegeln mit einem Turm, von dem aus man einen Blick über die Stadt werfen konnte. Es war eine kleine Stadt, die sich nicht ausbreiten konnte, da sie in einem schmalen Streifen zwischen dem Fuß eines Berges und am Ufer eines See’s lag. Ich saß in der hintersten Bank in der Fensterreihe und hoffte von den Professoren nicht gesehen zu werden. Eigentlich verbrachte ich meine Stunden in der Schule angestrengt damit, mich hinter meinem Banknachbarn in Deckung zu bringen. Das war schon deswegen nicht einfach, weil auch dieser alles unternahm, die Aufmerksamkeit der Lehrer nicht auf sich zu lenken. Nicht so Schigu, der einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besaß und es nicht duldete, wenn Lehrer uns unsre Minderwertigkeit spüren ließen. Und von solchen, die ihr Ego auf diese Weise stärken mussten, gab es leider mehr als genug.

Vorbei an der Festung Szümeg zum Plattensee, über Budapest und Szeged Richtung Rumänien. Wir wollen nach Arad. Dort wohnt ein Ehepaar, das meinen ungarisch-stämmigen Schulfreund eingeladen hat. Das erste Mal werde ich mit der ungarischen Tiefebene den Osten Ungarns und den eng mit der Habsburgmonarchie verknüpften Banat kennen lernen, eine geschichtsträchtige Gegend: Mongolen, Türken und die Habsburger hinterließen hier ihre Spuren. Wir nehmen eine der radial von Budapest über Szeged in den Osten der Pannonischen Tiefebene wegführende Autobahn. Von dort über die rumänische Grenze, an der man eine Vignette für 2 Wochen ersteht, sonst aber nicht kontrolliert wird. Wir sind in Transsilvanien. "Kennst du den?", fragt T. "Achtung! Achtung! Wir überfliegen eben Rumänien. Halten sie ihre Uhren fest!  Oder - noch besser - den: Treffen sich Ceausescu, Cruschtschow und der ungarische Präsident, um ein für alle Mal die Frage zu klären, wer sich im Banat früher  seßhaft gemacht hat und wem aus diesem Grunde dieser Teil der Erde zugesprochen werden sollte:  Den Ungarn oder den Rumänen. Der Vertreter Ungarns holt aus und schildert, wie die Hunnen aus den zentralasiatischen Steppen mit ihren erschöpften Pferden an einen  Teich im heutigen Banat gekommen sind, um sich auszurasten.  Am nächsten Morgen sind die Pferde verschwunden gewesen, führt er aus. Da fällt ihm Ceausescu ins Wort und sagt: Wir waren das nicht!" Noch heute schwelt dieser Konflikt und Ungarn unter Orban träumt von den Gebieten, die es verloren hat. An einem Bahnübergang ein Wärterhäuschen wie aus einem Bilderbuch des vergangenen Jahrhunderts. Ein Mann sitzt davor und schmaucht ein Pfeifchen. Dann, als der Zug vorbeigedonnert ist, kurbelt er mit der Hand die Schranken wieder hoch. [slideshow]