Der Mantel hutDu magst mir glauben oder nicht. Ich gehe zwar mit einem Rollator, weil ich noch immer Angst habe zu fallen, auch die hämmernden Kopfschmerzen sind noch immer da, aber ich habe keine Wahrnehmungsstörungen, wie mir von seiten der Ärzte unterstellt wird. Ich weiß, wer ich bin und wie alles gekommen ist. Es war Winter. Kein Schnee, aber so kalt, dass die Scheiben der am Straßenrand parkenden Autos eingefroren waren. Ich war in der Stadt unterwegs und bereute es, mich nicht wärmer angezogen zu haben. Auf der Suche nach einem Kaffeehaus kam ich an einem Secondhandladen vorbei. Eine Angestellte – im Alter meiner Mutter etwa - schob gerade den Torso einer Schneiderpuppe in das Schaufenster. Über seine Schultern war ein Mantel gehängt, der sehr vornehm aussah. Das ist ein Wink, habe ich mir gedacht. Mantel habe ich mir schon lange keinen mehr geleistet. Was kann er secondhand schon kosten? Ich ging also rein, suchte die Frau, die eben mit Stecknadeln im Mund aus dem Schaufenster kam, und fragte sie, was der Mantel koste, und zeigte dabei auf die Schneiderpuppe. Sie maß mich mit einem mitleidvollen Blick und belehrte mich, während sie die Stecknadeln bedächtig aus dem Mund nahm: Sie schau‘n ja aus wie der Zins. Wird Zeit, dass ihna urndlich anzieh‘n. Es is Winter. Winter is, wiederholte sie tadelnd, als wäre sie meine Mutter. Der Mantel tät ihna g’falln, stimmt’s? Der is elegant, hot a Taille, des muaß ma mög’n. Is a englisches Fabrikat. A gut’s Tuch. A richtiga Chesterfield halt. Oba teuer, meinte sie abschließend. Wia hab’n aber andre auch, die nit so teuer san.